Erfolgsgeheimnis
Schweizer verdanken Spitzenstellung ihrer Industrie

Der Stellenabbau bei UBS und Co. macht Schlagzeilen, trotzdem sinkt die Arbeitslosenquote weiter. Grund ist die starke Industrie des Landes. Von Toiletten bis Flugzeugsitzen wird in der Schweiz fast alles produziert.
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Über dem Stellenabbau bei den größten Schweizer Banken, der in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen gesorgt hat, wird das produzierende Gewerbe im Land oft übersehen. Doch gerade dort gibt es einen Boom, der der Volkswirtschaft des Landes den Vorsprung vor dem Rest Europas sichert.

Selbst nach 10.000 Stellenstreichungen bei Banken wie der UBS AG und der Credit Suisse Group AG in den vergangenen fünf Jahren ist die schweizerische Arbeitslosenquote auf 3,1 Prozent gesunken. Das ist der niedrigste Wert unter den zehn größten Volkswirtschaften Europas, zudem ist die Quote auch niedriger als vor zehn Jahren. In dem acht Millionen Einwohner zählenden Land entstehen Stellen in Unternehmen, die Flugzeugsitze, Toiletten oder auch Arzneimittel herstellen.

Banken wird in der öffentlichen Wahrnehmung der Schweiz ein zu hoher Stellenwert beigemessen, weil die Branche im Vergleich zur Größe des Landes sehr bedeutend ist, meint Hubertus von Grünberg, Verwaltungsratschef bei ABB Ltd. in Zürich. Die Bedeutung von Branchen wie der Uhrenherstellung oder der Medizingeräte werde hingegen eher unterschätzt. Dabei sei das industrielle Fundament “kräftig und wichtig”.

Im vergangenen Jahr beschäftigten Banken und Versicherer 152.000 Vollzeitkräfte, bei Industrieunternehmen verdienten 588.000 Beschäftigte ihren Lebensunterhalt. Der Anteil der Bankenbranche an der inländischen Wirtschaftsleistung fiel zwischen 2007 und 2011 von 8,7 Prozent auf 6,2 Prozent, wie aus den jüngsten Daten der Schweizerischen Bankiervereinigung hervorgeht.

“Die Schweiz ist wie ein Silicon Valley für die verarbeitende Industrie”, sagt Markus Koch, Partner bei Deloitte AG in Zürich. Angesichts der höheren Kostenbasis würde seiner Meinung nach kein Schweizer Hersteller überleben, wenn er nicht Weltmarktführer wäre oder Produkte in Spitzenqualität herstellen würde.

Der Fokus auf Produkte von höchster Qualität erlaubt es den Schweizer Unternehmen, mit den billigeren Produkten aus den Schwellenländern zu konkurrieren - auch wenn die hohe Bewertung des Franken zum Euro die Schweizer Exportprodukte in anderen Ländern viel teurer macht.

“Wir müssen immer besser sein als die anderen”, meint Ilona Illing, Design-Direktorin bei Lantal Textiles, Hersteller von Business-Class-Sitzen für die Deutsche Lufthansa AG. Das sei die einzige Möglichkeit, wie sich die Firmen des Landes in diesen Tagen dem Wettbewerb stellen könnten.

Der Druck, der Konkurrenz immer voraus zu sein, hat Schweizer Unternehmen wie den Pharmakonzern Novartis AG oder den Uhrenhersteller Swatch AG 2012 an die Spitze im globalen Ranking zu Patent-Anträgen geführt.

Universitäten wie die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) und ein geschäftsfreundliches aufsichtsrechtliches Umfeld haben der Schweiz zudem geholfen, zu einem Zentrum für Forschung und Entwicklung vieler US-Unternehmen zu werden - darunter auch International Business Machines Corp. (IBM) und Google Inc.

Das Stellenwachstum in Entwicklung und Herstellung konnten den Job-Abbau bei den Banken wettmachen.

Die Schweiz kommt auf die welthöchste Industrieproduktion je Einwohner und ist insgesamt die wettbewerbsfähigste Nation, wie aus einer Studie des Weltwirtschaftsforums hervorgeht. Und in einer Deloitte-Studie steht, dass die Industrieproduktion der Schweiz seit 2005 “stark” zugenommen hat, während traditionelle Produktionsländer wie Japan und Deutschland nur einen geringen Anstieg verzeichnen konnten.

Die Schweizer Erfolgsgeschichte hat ihre Wurzeln nicht zuletzt auch in der Neutralität des Landes. Seit 1815 war das Land in keinen internationalen Krieg verwickelt. Diese Stabilität hat dazu beigetragen, Investoren und Unternehmer in die Schweiz zu locken.

Peter Chen, Professor an der ETH, glaubt, dass sich an dem Industrie-Fokus der Schweizer Wirtschaft auch langfristig nichts ändern wird. Wer durch das Land reise, sehe die Idylle der Schweizer Alpen. Aber man sei auch nie zu weit entfernt von einer Chemie-Fabrik. Seiner Meinung nach wäre es ein Fehler, zu einer reinen Dienstleistungs-Volkswirtschaft überzugehen.

Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur

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  • Die Schweiz als Exportland darzustellen ist abwegig. Einfach warten. Die Immoblase platzt demnaechst. Es gibt eine Menge neuer ungelernter Arbeiter in der Schweiz, die alle oeffentliche Gelder einfordern, wenn die Krise kommt. Die Schweiz sitzt mitten im maroden Europa. Da ist der Crash vorprogrammiert. Blauaeugige Analysen---scheint inzwischen Usus zu sein in der deutschen Presse.

  • Richtig! Und was die Schweiz im Kleinen, das könnte Deutschland ohne Euro im Großen sein!

    Wie heißt es so schön im Artikel:
    "Der Fokus auf Produkte von höchster Qualität erlaubt es den Schweizer Unternehmen, mit den billigeren Produkten aus den Schwellenländern zu konkurrieren - auch wenn die hohe Bewertung des Franken zum Euro die Schweizer Exportprodukte in anderen Ländern viel teurer macht."

    Auch Deutschland hat mit der immer hoch bewerteten Mark seine Poition auf dem Weltmarkt behaupten können, nicht zuletzt weil die hohe DM auch zu günstigeren Importpreisen führte als jetzt der schwache Euro. Und wer auf den billigen Euro setzt verliert letztendlich seine Wttbewerbsfähigkeit, da er eher über niedrige Preise verkauft als über Qualität! Die Schweiz sollte uns ein Vorbild sein. Und damit zu den ganzen Dummschreibern, die Billionen von Verlusten prognostizieren bis zum Jahre x (wenn x noch etwas mehr in der Zukunft wäre bei diesen Berechnungen, dann wären die Quasi-Verluste in der Pseudo-rechnung noch höher), wenn Deutschland wieder die DM hätte. Was sagt denn das schweizer Prognos-Institut zum starken Schweizer Franken und den Auswirkungen auf die schweizer Wirtschaft? Prognostiziert es auch hier Billionen von Verlusten für die schweizer Wirtschaft? Sicher nicht! Dies zu den pseudo Prognosberechnungen noch!

  • das zeigt, wie hirnrissig die Argumentation zur Begründung der Währungsunion und ihrer angeblichen Wohltaten für uns in Deutschland ist. Die Schweizer haben mit ihrem Franken eben den Vorteil, für ihre Leistung auch entsprechend bezahlt zu werden. Das verschafft Ihnen Kaufkraft, mindert Import- und Energiepreise und gestattet Rücklagen für Investitionen in Infrastruktur und Forschung. Demgegenüber werden wir in Deutschland schlecht honoriert, weil wir unsere Produkte für Euro eigentlich zu billig verkaufen. Wir verdienen weniger, müssen aber mehr für Importe und Energie hinlegen. Der künstliche Boom der dadurch bei uns entsteht, führt zu Überschüssen, die wir nicht wirklich nutzen können, sondern in die Krisenländer lenken. Geldanlagen und Ersparnisse der Bürger werden zusätzlich durch den viel zu niedrigen EZB-Zins entwertet... und das führt nebenbei dazu, dass die Schweiz für uns heute praktisch doppelt so teuer ist, wie zu DM-Zeiten. Wenn unsere Politiker recht hätten, müßte die Schweiz mit ihrer Wirtschaft demnächst zwischen China, den USA und weiteren bösen Riesen zerrieben werden, so wie es uns immer prophezeit wird, wenn... Die Währungsunion ist mittlerweile von einer mehr oder weniger guten Idee zu einer Ideologie verkommen. Sie schadet unseren Bürgern, der Zukunft unseres Landes und sie schadet Europa.

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