Erfolgsgeschichte trotz Rückschlägen
Von der hohen Kunst, sich nicht entmutigen zu lassen

Der Hamburger Achim Lutter hat seit Mitte der neunziger Jahre in Russland viele Tiefs erlebt – und ist dennoch geblieben.

HB MOSKAU. Gäste empfängt Achim Lutter gerne im „Uley“: Der deutsche Unternehmer ist Teilhaber des In-Restaurants im Herzen Moskaus, das die Illustrierte „Weekend“ zur „Zitadelle kulinarischen Stils“ gekürt hat. Französisches Lamm, Riesen-Crevetten und fangfrischer Thunfisch an Spinat stehen auf dem Menu, bereichert durch edle Weine und bayerisches Weißbier. Doch Lutters Hauptwerk steht 350 Kilometer weiter östlich in Gus-Chrustalnyj. Dort hat der 42-Jährige aus einer alten Lagerhalle eine Glasfaserweberei gemacht. Ein Schmuckkästchen – und inzwischen Nummer drei auf dem europäischen Markt, erklärt der Chef stolz.

Gus-Chrustalnyj ist die Hochburg der russischen Glasindustrie, wo es von kitschigen Kronleuchtern bis zu Fenstern alles gibt. Aus dem Glasfasergewebe, das Lutters Firma Bautex herstellt, werden später Bitumen-Dachbahnen. Zwei Drittel der Produktion landen auf russischen Dächern, ein Drittel geht in den Export nach Europa.

Um im Riesenreich überhaupt Erfolg zu haben, musste Lutter allerdings zum Stehaufmann werden. Mitte der neunziger Jahre kam er für die Hamburger Mineralölhandelsfirma seines Onkels nach Russland. Schon eine Stunde nach dem entscheidenden Gespräch mit seinem Onkel sollte er im Flieger sitzen und für zwei Jahre in den Osten gehen, erinnert sich der Unternehmer heute: „Ich war ledig, jung und wollte die Welt erobern.“

Doch der Job füllte den Wirtschaftsingenieur, Maschinenbauer und Diplom-Kaufmann nicht dauerhaft aus: „Ich wollte etwas anderes, als Öl von A nach B verschieben.“ Und so stellte er sich nach drei Jahren im damaligen Land der unbegrenzten Möglichkeiten wirtschaftlich auf eigene Beine. Zunächst plante er, zusammen mit einem Hamburger Freund in Russland Roller zu produzieren: „Doch das Werk, in dem wir das vorhatten, wollte uns gleich alle Hallen andrehen, die gesamten Energieschulden der Raketenfabrik und alle Lohnrückstände.“ Post-sowjetische Gigantomanie, die keinen Sinn für den Mittelstand hatte, machte die Pläne zunichte.

Mehr per Zufall gründete Lutter also ein Werk für Kupferfolien im zentralrussischen Rjasan. Leiterplatten für die Computerindustrie sollten dort gefertigt werden, finanziert durch das eigene Ersparte und Mittel eines Investmentfonds. Doch als nach drei Jahren der Turnaround erreicht wurde und die ersten Profite flossen, „wurde uns die Fabrik mit Hilfe bestochener Gerichte geklaut“, erzählt der Deutsche. „Ich hatte eine Million hineingesteckt und alles verloren.“ Lutter rannte „von Pontius zu Pilatus“, sogar im KGB-Hauptquartier am berüchtigten Moskauer Ljubjanka-Platz ist er gewesen, um Recht zu bekommen.

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