Erlebnispark simuliert Grenzübertritt
Nervenkitzel mit Nebenwirkung

Durch Tunnel kriechen, unter Stacheldraht robben, hüfttief durch Wasser waten: Ein Erlebnispark in Mexiko simuliert den illegalen Grenzübertritt in die USA und gibt so Hilfe, das Land zu verlassen. Doch gerade weil es ihn gibt, scheint es, als strebten deutlich weniger Mexikaner über die Grenze.

EL ALBERTO. Kurz bevor die ersten Schüsse fallen, kommt eindringlich und plötzlich das Kommando: „Runter, hinknien, in Deckung, schnell, schneller“. Mit gepresster Stimme treibt Jesús 40 Erwachsene, Jugendliche und Kinder in einem Straßengraben in eine Deckung aus dichtem Gestrüpp und Bäumen. Sofort ersterben Lachen und Geplapper in der Gruppe, und nur noch der Landregen prasselt hörbar nieder. Dann heulen Polizeisirenen, und Suchscheinwerfer schneiden weiße Lichtkegel in die tiefschwarze Nacht. Ein paar Schüssen folgt blechern die Warnung aus dem Megafon: „Remember your wife and kids, your life is in danger.“ Erst auf Englisch, dann auf Spanisch.

Lange Minuten verharrt die Gruppe auf Knien und in der Hocke, an Bäumen oder hinter Büschen Schutz suchend. Dann gibt Jesús, der Schlepper in Poncho und unter schwarzer Skimütze, die Order zum Aufbruch, während oben auf der Straße das Blaulicht der Pick-ups der Grenzpolizei langsam schwächer wird.

Noch fünf Stunden liegen vor Jesús’ Gruppe, kriechend durch Tunnel, robbend unter Stacheldraht, hüfttief watend durch stinkende Abwasserkanäle und balancierend über brüchige Hängebrücken – und dabei immer auf der Flucht vor Grenzpolizei oder Räuberbanden. Fünf Stunden, die den Abenteuerlustigen, Touristen und Pfadfindern in dieser kalten und nassen Nacht einen lebensechten Eindruck davon vermitteln sollen, wie es ist, als mexikanischer Armutsflüchtling ohne Papiere den Übertritt in die USA zu wagen.

Im Erlebnispark Eco-Alberto im mexikanischen Bundesstaat Hidalgo, rund tausend Kilometer von der US-Grenze entfernt, ist die Flucht nur ein Spiel mit Grenzen, ein politisch korrekter Nervenkitzel für Oberschichtenkids aus der Hauptstadt, erlebnishungrige Urlauber und Mexikaner, die etwas über die Realität von Millionen ihrer Landsleute erfahren wollen. Für viele andere ist sie Realität: Täglich versuchen Armutsflüchtlinge den illegalen Grenzübertritt – denn das Pro-Kopf-Einkommen in Mexiko beträgt mit jährlich 7 000 Dollar nur rund ein Sechstel des Einkommens in den USA, 45 Millionen Mexikaner haben maximal zwei Dollar am Tag zur Verfügung.

„Unsere Nachtwanderung ist Abenteuertrip und Gewissensschärfung“, sagt der 42-jährige Jesús, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. „Aber sie entspricht dennoch nur zu zehn Prozent dem, was die wirklichen Migranten durchmachen.“ Es ist morgens um zwei, es gibt eine heiße Tasse Kaffee und einen Imbiss, der Gewaltmarsch durch den Erlebnispark ist zu Ende.

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