Ermittler vermuten PKK hinter Anschlag in Istanbul
Attentat überschattet Verfahren gegen die AKP

Das Blutbad von Istanbul geht nach ersten Vermutungen der Fahnder auf das Konto der kurdischen PKK. Mindestens 17 Menschen wurden getötet und über 150 teils schwer verletzt. Die politische Brisanz des Attentats liegt nicht nur in der großen Zahl der Opfer. Es überschattet zugleich den Beginn einer für die Türkei ohnehin schicksalhaften Woche.

ATHEN. Es ist der schwerste Terroranschlag in der Türkei, seit islamistische Selbstmordattentäter im November 2003 bei Angriffen auf zwei Synagogen, eine Bank und das britischen Generalskonsulat in Istanbul 64 Menschen töteten.

Belastbare Beweise gegen die PKK gab es aber am Montag noch nicht. Für eine Verbindung zur PKK spreche der verwendete Sprengstoff und die Machart des Anschlags, hieß es in Polizeikreisen: zwei in Abfallbehältern versteckte Bomben, die im Abstand von etwa zwölf Minuten explodierten. Zunächst ging um 21.45 Uhr ein kleiner Sprengsatz hoch. Als dann zahlreiche Passanten herbeigeströmt waren, um den Verletzten zu helfen, detonierte um drei Minuten vor 22 Uhr 15 Meter entfernt die zweite, wesentlich stärkere Bombe. "Ziel des Anschlags war, so viele Menschen wie möglich zu töten", sagte Istanbuls Gouverneur Muammer Güler.

Ausländische Terrorismusexperten sehen darin jedoch gerade nicht die Handschrift der PKK, sondern islamistischer Terroristen. Der Tatort, eine zum Zeitpunkt der Explosionen belebte Fußgängerzone im europäischen Stadtteil Güngören, bot ein Bild des Grauens: Verstümmelte Leichen und Schwerverletzte lagen inmitten von Glassplittern und Trümmern in riesigen Blutlachen auf der Straße. Einige der Schwerverletzten waren am Montag noch in kritischem Zustand.

Die politische Brisanz des Attentats vom Sonntagabend liegt nicht nur in der großen Zahl der Opfer. Es überschattet zugleich den Beginn einer für die Türkei ohnehin schicksalhaften Woche: Am Montag begannen die elf Richter des türkischen Verfassungsgerichts mit den Urteilsberatungen im Verbotsverfahren gegen die islamisch-konservative Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Dem Premier und seiner Partei werden islamistische Bestrebungen vorgeworfen. Mit einer Entscheidung des Verfassungsgerichts wird noch in dieser Woche gerechnet. Ein Verbot der AKP könnte das Land in eine tiefe politische und wirtschaftliche Krise stürzen. Neuwahlen im November wären die wahrscheinliche Folge. Vor dem Hintergrund der innenpolitischen Ungewissheit sorgt jetzt der brutale Terroranschlag von Istanbul für zusätzliche Verunsicherung.

Regierungschef Erdogan sagte für Montag alle Termine ab und begab sich aus der Hauptstadt Ankara nach Istanbul. "Je geeinter wir als Nation gegenüber dem Terror sind, je mehr wir ihm widerstehen und ihn isolieren, desto eher werden wir ihn beenden", sagte Erdogan am Tatort. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "Deutschland steht in dieser schwierigen Lage an der Seite der Türkei und ihrer Menschen." Das Auswärtige Amt erneuerte seine Sicherheitshinweise für die Türkei. Von Reisen in die Ost- und Südosttürkei wird dringend abgeraten.

Türkische Sicherheitsexperten rechneten bereits seit längerem mit der Gefahr eines Anschlags durch die PKK. Die Organisation sei durch fortgesetzte türkische Luftangriffe auf ihre Stellungen im Nordirak militärisch stark in die Defensive geraten und verliere auch unter der kurdischen Bevölkerung immer mehr an Rückhalt, sagen Experten. Das mache die PKK unberechenbar und könne zu Verzweiflungsschlägen führen. Anfang Juli hatte die PKK in der Osttürkei drei deutsche Bergsteiger entführt, die Geiseln jedoch nach zwölf Tagen unversehrt wieder laufen lassen.

Seither verstärkte die türkische Luftwaffe ihre Angriffe auf die PKK im Nordirak. Wenige Stunden vor dem Istanbuler Anschlag hatten türkische Kampfflugzeuge Stellungen in der Nähe des Hauptquartiers der PKK in den irakischen Kandil-Bergen bombardiert. Die PKK bestreitet allerdings jede Beteiligung an dem Anschlag: "Dieses dunkle Ereignis hat keinerlei Verbindung zum Kampf der Kurden für Freiheit", sagte der Leiter der politischen Sektion der PKK, Zubeyir Aydar, der PKK-nahen Nachrichtenagentur Firat. In der Vergangenheit haben neben den kurdischen Rebellen auch Rechtsextremisten, fundamentalistische Fanatiker und linksextreme Gruppen Anschläge verübt.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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