Ermittlungen in Großbritannien
Attentäter im Visier der Überwachungskameras

Dank der Videoüberwachung ist es der britischen Polizei gelungen, die Attentäter von London schnell zu identifizieren. Während Kameras an öffentlichen Plätzen in Großbritannien weithin akzeptiert sind, stößt diese Art der Überwachung in Deutschland auf Vorbehalte.

mth/meb/sig LONDON/BERLIN. Schneller Erfolg: Die vier Attentäter glichen einer „Infanterie, die in den Krieg zieht“, als sie am Bahnhof King’s Cross kurz vor 8.30 Uhr von einer der Tausenden von Videokameras in London erfasst wurden, berichtete ein Polizist. Auf den unveröffentlichten Bildern soll zu sehen sein, wie sich die Männer gelassen unterhalten. Einer konnte sehr schnell identifiziert werden: der 18-jährige Hasib Hussain aus Leeds. Er war am Abend des Terrortages als vermisst gemeldet worden. Auch in dem von einem Bomber gesprengten Bus waren wie in jedem modernen Londoner Bus sechs Videokameras montiert. Bislang ist aber nicht bekannt, ob sie bei der Explosion zerstört wurden oder Bilder lieferten.

Kameras gehören zum Alltag: Viele Briten sehen zwar eine Ausweispflicht als Eingriff in ihre Privatsphäre, doch gegen die Überwachung öffentlicher Plätze gibt es kaum Einwände. Die meisten erinnern sich noch, wie verschwommene Bilder einer Überwachungskamera zum ersten Mal entscheidend bei der Verbrechensaufklärung halfen: Sie zeigten den zweijährigen James Bulger zwischen seinen beiden zehnjährigen Mördern im Einkaufszentrum von Bootle bei Liverpool. Mit diesem Bild begann 1993 die Aufklärung des erschütternsten Kindermordes der britischen Kriminalgeschichte. Schon damals war „Closed Circuit TV“ (CCTV) eine Selbstverständlichkeit für die Briten. Der öffentliche Raum wird inzwischen weitgehend von Videokameras überwacht. Es begann in Einkaufszentren und Eckläden, dann kamen die Autobahnen, auf denen fast jede Meile von Kameras erfasst wird. Städte haben CCTV-Anlagen eingerichtet – in Liverpool etwa nahmen Stadt, Polizei und Verkehrsbetriebe 2003 ein System mit zunächst 240 Digitalkameras und einem 100 Kilometer langen Glasfaserkabelnetz in Betrieb. Auch in Londons City sieht man fast an jeder beliebigen Stelle Videokameras. Praktisch jeder Winkel in U-Bahnstationen oder Bahnhöfen wird erfasst. Als Bürgermeister Ken Livingston die City-Maut einführte, ließ er weitere 1000 Kameras aufstellen.

Deutschland hinkt hinterher: Hier zu Lande gibt es nach Schätzungen an rund 300 000 Gebäuden wie etwa Banken Videokameras. Zudem werden gerade die U-Bahnstationen überwacht. Allein an Münchens Stationen befinden sich rund 800 Kameras. In Hamburg sind alle U-Bahn-Waggons mit Kameras ausgestattet. Die S-Bahnen sollen nachgerüstet werden. Grund ist allerdings nicht die Angst vor terroristischen Anschlägen, sondern der Anstieg von Straftaten an Bahnstationen.

Skeptische Politiker: Berliner Politiker geben sich zurückhaltend. So fordert der Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) zwar eine verstärkte Videoüberwachung. Doch sei er „gegen eine flächendeckende Überwachung der ganzen Republik“, sagte er dem Handelsblatt. Nur an Orten, „an denen oft kriminelle Straftaten auftreten, halte ich sie für richtig“. Zudem müssten die Aufzeichnungen gelöscht werden, sollten die Strafverfolgungsbehörden sie nicht mehr benötigen. Auch Berlins Datenschutzbeauftragter Alexander Dix lehnt eine flächendeckende Überwachung als „nicht zielführend“ ab. In London habe die hohe Kameradichte die Anschläge nicht verhindert.

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