Ermittlungen zum Anschlag in Ankara
„Bitte sperrt ihn ins Gefängnis“

Die türkische Polizei ignorierte offenbar konkrete Hinweise auf die beiden Attentäter, die am Samstag Hunderte Menschen in die Luft sprengten. Sogar die Eltern einer der beiden Terroristen hatten die Behörden gewarnt.

AnkaraUnzählige Male sei er bei der Polizei gewesen. „Bitte holt ihn aus Syrien zurück und sperrt ihn ins Gefängnis“, habe er jedes Mal gesagt. Es sei doch offensichtlich, dass er ein Terrorist sei, habe er jedes Mal bekräftigt. Die Reaktion sei jedoch immer dieselbe gewesen: „Sie notierten meine Bedenken und ließen mich wieder gehen, jedes Mal.“

Die Rede ist von einem Mann aus dem südtürkischen Adiyaman. Und er sprach jedes Mal von seinem eigenen Sohn, der am 10. Oktober mit einem weiteren Attentäter sich selbst und mindestens 104 weitere Menschen in den Tod riss. Sie und hunderte andere Menschen hatten sich vor dem Hauptbahnhof in Ankara versammelt, um für Frieden zu demonstrieren, als die beiden Bomben hochgingen.

Einer der beiden Terroristen, Yunus Emre Alagöz, war der Bruder von Seyh Abdurrahman Alagöz, der am 20. Juli mit einem Selbstmordattentat im südtürkischen Suruc 33 Menschen umbrachte –die meisten davon Kurden, wie jetzt bekannt wurde. Die beiden Brüder betrieben jahrelang ein Café in ihrer Heimatstadt Adiyaman, einem Herd für IS-Aktivitäten in der Türkei, wie jetzt herauskam. Im „Islamischen Teehaus“ sollen sie trotz Hinweise aus Familie und Bevölkerung Terrorpläne geschmiedet und konkrete Anschläge ausgearbeitet haben.

Die von mehreren Rechercheuren bekannt gemachte Historie der beiden Attentäter von Ankara wirft ein Schlaglicht auf die Arbeit der türkischen Behörden, die angesichts der Bedrohungen im eigenen Land durch das Wiedererstarken der kurdischen Terrorgruppe PK und die Aktivitäten der IS-Kämpfer überfordert scheint. Es wirkt bizarr, wie die Terroristen vorgehen konnten, wo doch so viel über sie bekannt ist.

Seit zwei Jahren hatte zum Beispiel Ezgi Basaran für die Internetzeitung Radikal über die Terrorzelle im Teehaus geschrieben. Die Recherchen der Journalistin gingen so weit, dass sie am 23. Juli eine Kolumne mit einer fast hellseherischen Überschrift veröffentlichte: „Der nächste Bombenanschlag ist näher als wir denken“. Gerade einmal drei Tage, nachdem Seyh Aburahhman in Suruc seine Bombe zündete, warnte Basaran in ihrem Artikel vor seinem Bruder Yunus Emre, den sie damals nur mit seinen Initialen beschrieb. „Wir schreiben es wieder und wieder“, heißt es in dem Artikel, „wir haben Listen ihrer Namen. Weiß der Staat eigentlich, was wir längst wissen?“, fragte sie.

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