Ernüchterung in der deutschen Wirtschaft
Sinkende Hoffnung für Wiederaufbau

Die noch vor zwei Wochen auf der deutsch-irakischen Wirtschaftskonferenz in Berlin zu spürende Zuversicht bei deutschen Unternehmern ist verflogen. Soeben hatte man begonnen, von intensiven Geschäftsbeziehungen mit dem ölreichen Irak zu träumen – da kommt alles anders. Zwar galt das Sicherheitsproblem schon seit Wochen als groß. Doch jetzt hat das Auswärtige Amt nach der Entführungswelle und dem Tod von zwei GSG-9-Beamten alle Deutschen aufgefordert, das Land zu verlassen.

BERLIN. „Man muss jetzt einfach abwarten, ob die Amerikaner das Land wieder in den Griff bekommen oder es im Chaos versinkt“, sagt Jochen Münker, Irak-Experte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Seit Mittwoch vergangener Woche kommen auch keine Lieferungen deutscher Waren mehr über Syrien in den Irak. Die Grenze ist dicht, Bagdad gilt als unerreichbar. „Wer jetzt vor hat, neu ins Irak-Geschäft einzusteigen, handelt blauäugig“, sagt ein im Irak tätiger Wirtschaftsvertreter, der nicht genannt werden will. Chancen hätten überhaupt nur jene Firmen, die seit Jahren im Irak präsent seien und dort einheimische Partner hätten. Denn trotz der Hoffnung auf große Aufträge sind heute nicht einmal mehr ein Dutzend deutscher Geschäftsleute vor Ort. „Das Problem ist angesichts der schlechten Sicherheitslage, dass nicht einmal mit einem Auftrag in der Tasche sicher ist, ob überhaupt Geld fließen kann“, weiß Christian Glosauer, Experte bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft.

Der Abzug vieler ziviler ausländischer Helfer aus dem Irak sorgt auch die Bundesregierung – obwohl nicht Mitglied der Kriegskoalition. Zwar ist sie dadurch anders als viele Partnerregierungen der derzeitigen Debatte entkommen, ob eigene Soldaten aus dem Irak abgezogen werden sollen. Aber weil ein stabiler Irak auch wichtig für Europa ist, hatte sich Berlin klar zu einem Beitrag für den Wiederaufbau des Landes bekannt. Wie dieser nun bewältigt werden soll, darüber herrscht allgemeine Ratlosigkeit. SPD und Grüne lehnten einen Einsatz der Bundeswehr auch im Fall eines Mandats der Vereinten Nationen entschieden ab. Die Union mahnte dagegen, etwaige Uno-Beschlüsse im Rahmen der Möglichkeiten umzusetzen.

Deutsche Beobachter sind sich einig, dass die US-Administration erhebliche Fehler gemacht habe. „Gerade weil die Amerikaner Mitte des Jahres die politische Macht übergeben möchten, müssten sie die irakische Autorität stärken. Im Augenblick geschieht aber das Gegenteil“, kritisiert etwa Volker Rühe (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. „Man muss an der geplanten Übergabe unter allen Umständen festhalten – aber eben auch darauf hinarbeiten. Doch das militärische Vorgehen war mit dem irakischen Übergangsrat offensichtlich nicht abgestimmt“, sagte Rühe dem Handelsblatt. „Die Lehre der vergangenen Tage ist: Es ist zu vordergründig zu sagen, dass Soldaten fehlen. Die einzige Hoffnung liegt im politischen Prozess.“

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