„Erschöpft und gestresst vor die Medien“
Trichet wird für Medienauftritte gescholten

Die Professionalität des EZB-Präsidenten Trichet im Umgang mit den Medien wird erstmals öffentlich in Frage gestellt.

Komplimente sehen anders aus. In einem offenen Brief an „Dear Jean-Claude“ wirft Charles Goodhart, früheres Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) – wenn auch freundlich verpackt – vor, müde und unvorbereitet vor die Weltöffentlichkeit zu treten. Wörtlich: „Sie gehen vor die internationalen Medien, wenn Sie erschöpft und gestresst sind und keine Zeit gehabt haben, über das Ergebnis der Ratssitzung nachzudenken. ... In meinen Augen würde es sich auszahlen, wenn Sie sich die Zeit nähmen zu entspannen, aufzutanken und sich auf einen der wichtigsten Momente der Kommunikation vorzubereiten.“ Goodhart rät, die Pressekonferenzen um 24 Stunden zu verschieben.

Schärfer hätte die Kritik an der Art und Weise, wie Jean-Claude Trichet die Pressekonferenzen im Anschluss an die geldpolitischen Sitzungen des EZB-Rats abhält, kaum ausfallen können. Dass Analysten und Journalisten Trichets Presseauftritte langweilig finden, ist nicht neu. Bis vor Kurzem noch bemühte er sich peinlich genau, nur das zu wiederholen, was in der vorbereiteten Stellungnahme des EZB-Rats steht. Wohlwollende Beobachter führen das darauf zurück, dass er unter allen Umständen Fehler vermeiden will. Mit Goodharts Brief, der jetzt in der renommierten Zeitschrift „Central Banking“ erschienen ist, erhält die Kritik eine neue Qualität. Sie kommt einer schallenden Ohrfeige gleich – stellt sie doch die Leistungsfähigkeit des EZB-Präsidenten ebenso öffentlich in Frage wie seine Fähigkeit, seine Außenwirkung realistisch einzuschätzen. Implizit empfiehlt Goodhart Trichet ein prominentes Beispiel zur Nachahmung: „Mervyn King von der Bank of England hat Pressekonferenzen vorher mit seinen Mitarbeitern geprobt, indem sie versucht haben, möglichst genau die Fragen vorwegzunehmen, die später voraussichtlich gestellt würden.“

Nicht besser weg kommen die schriftlichen Stellungnahmen des EZB-Rats. Die Zentralbank beansprucht, damit den Finanzmärkten die Zinsbeschlüsse zu begründen und ihnen eine Orientierung zur zinspolitischen Haltung des Rates zu liefern. Besonderes stolz ist die EZB darauf, diese Begründungen praktisch „real time“ zu bieten; sie sieht darin ein besonderes Maß an Transparenz. Goodhart, der an der London School of Economics lehrte, ist anderer Meinung: Er bezeichnet die Stellungnahmen abwertend als „vorausschauende Prosa“.

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