Erste Ausschreibung 2016

Tschechien will vier neue Atomreaktoren bauen

Deutschland steigt aus, Tschechien dagegen erst so richtig ein: Ministerpräsident Bohuslav Sobotka kündigte an, die Zahl der Atomanlagen im Land zu verdreifachen. Eine „Schlüsselentscheidung“, so der Regierungschef.
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Derzeit decken die beiden tschechischen Atomkraftwerke Temelin und Dukovany rund ein Drittel der Stromversorgung des Landes ab. Quelle: dpa
Atomkraft in Tschechien

Derzeit decken die beiden tschechischen Atomkraftwerke Temelin und Dukovany rund ein Drittel der Stromversorgung des Landes ab.

(Foto: dpa)

PragTschechien will vier neue Atomanlagen bauen. Regierungschef Bohuslav Sobotka kündigte am Samstag im südöstlichen Dukovany an, dass die Ausschreibung für den ersten Reaktor Ende kommenden Jahres erfolgen könnte. Der Reaktor soll demnach in Dukovany gebaut werden. Für die drei weiteren Reaktoren nannte er keinen Ausschreibungszeitpunkt. Sobotka sprach von einer „Schlüsselentscheidung“ für die Zukunft des tschechischen Energiesektors.

Tschechien verfügt derzeit über zwei Atomkraftwerke, die vom Energieversorger CEZ betrieben werden. Der Staat hält die Mehrheit an dem Konzern. Das AKW Temelin im Südwesten hat mit seinen zwei Reaktoren eine Kapazität von 1050 Megawatt, Dukovany verfügt über vier Reaktorblöcke mit je 510 Megawatt Leistung. Die beiden Kraftwerke decken derzeit etwa ein Drittel der Stromerzeugung des Landes ab.

Wie die Welt die Kernenergie diskutiert
Government question time at lower house of Spanish parliament
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Spanien

Spanien hat nach den Atomunfällen in Japan vor übereilten Reaktionen in der Europäischen Union gewarnt. „Wir sollten uns bei den Entscheidungen über die Nutzung der Kernenergie nicht von besonderen Vorkommnissen (wie in Japan) leiten lassen“, sagte die spanische Wirtschafts- und Finanzministerin Elena Salgado (hier mit Ministerpräsident Jose Zapatero) am Montag in Brüssel. Die Debatte sollte sich vielmehr auf die grundsätzlichen Gesichtspunkte der Nutzung der Atomkraft konzentrieren. „Diese Diskussion hatten wir auch schon vorher geführt. Die Ereignisse in Japan tragen dazu bei, die Debatte zu intensivieren.“ In Spanien stellen die Atomkraftwerke etwa ein Fünftel des Energieaufkommens.

huGO-BildID: 21065441 Italian Premier Silvio
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Italien

Auch in Italien ist die öffentliche Diskussion um den geplanten Wiedereinstieg in die Atomenergie neu entbrannt. Die amtierende Regierung unter Silvio Berlusconi (Bild) hatte als eine ihrer ersten Amtshandlungen den Wiedereinstieg des Landes in die Atomenergie verabschiedet. Italien hatte nach dem Tschernobyl-Desaster per Referendum 1987 die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke beschlossen und ist heute extrem abhängig vom ausländischen Importen. Auch nach den Schreckensnachrichten aus Japan hält die Regierung an den Plänen fest, 2013 den Grundstein für die neuen Atomkraftwerke zu legen.

Doch die Italiener machten ihrem Regierungschef einen Strich durch die Rechnung. In einem Anti-Atom-Referendum sprachen sich im Juni 2011 94,7 Prozent der Wähler gegen eine Rückkehr zu Atommeilern aus.

Handout photo of Sellafield nuclear fuel reprocessing plant in northern England
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Großbritannien

Trotz der Katastrophe in Japan will Großbritannien sein umfangreiches Atomprogramm offenbar nicht grundsätzlich hinterfragen, obwohl die Insel selbst schon Erfahrungen mit einem schweren Atomunfall sammeln musste. Derzeit sind im Königreiche 19 Atomreaktoren in Betrieb, von denen viele bereits 30 Jahre oder älter sind. Vor drei Jahren leitete die damalige Labour-Regierung die Kehrtwende in der Energiepolitik ein, neben Windrädern sollen jetzt auch wieder Kernkraftwerke gebaut werden. Um die alten Reaktoren zu ersetzten, plant die Regierung in den nächsten 15 Jahren elf neue Nuklearanlagen, daran wird sich wohl auch nach dem Beinahe-Gau in Fernost nichts ändern.

Zwar hat der konservative Energieminister Chris Huhne den obersten Kernenergie-Inspektor des Landes Mike Weightman beauftragt, die Situation in Japan genau zu analysieren und die nötigen Lehren daraus zu ziehen. Allerdings betonte Huhne auch, dass sich die britischen Kernreaktoren grundsätzlich von denen in Japan unterschieden und sich das Königreich nicht in einer Erdbebenzone befinde. Für John Sauven, britischer Geschäftsführer von Greenpeace, lässt sich die Regierung auf einen faustischen Pakt ein. Die Kernkraft verspreche zwar Versorgungssicherheit, allerdings auf Kosten eines immensen Katastrophenrisikos.

Für die Gefahren der Nuklearenergie steht in Großbritannien vor allem die Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield (Bild), in der es immer wieder zu Störfällen kam. Kernkraftgegner klagen, dass Kinder, die  in unmittelbarer Umgebung des Atomkomplexes in Nordwestengland leben, einem zehnfach höheren Blutkrebsrisiko ausgesetzt sind. 1957 war es in Sellafield zu einem verheerenden Brand gekommen, bei dem eine radioaktive Wolke freigesetzt wurde, die über Großbritannien hinweg in Richtung des europäischen Kontinents zog.

President Obama holds a news conference on Japanese Earthquake
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USA

Bürgschaften in Höhe von 36 Mrd. Dollar sind im amerikanischen Budgetentwurf für 2012 für die US-Atomindustrie vorgesehen. Auf den Weg gebracht werden soll damit der Bau vieler neuer Kernkraftwerke. Doch nach der Katastrophe in Japan ist völlig unklar, ob es dazu auch tatsächlich kommen wird. Politiker wie der einflussreiche Senator Joe Lieberman aus Connecticut haben bereits gefordert, beim Ausbau der Kernkraft „auf die Bremse zu treten“.

Dabei ist auch unter dem demokratischen Präsidenten Barack Obama, der stets für Fortschritte bei den alternativen Energien wie Solar und Wind geworben hat, Atomstrom fester Bestandteil der amerikanischen Energiepolitik. Bislang zumindest sah der Präsident auch keinen Widerspruch im Nebeneinander der beiden Energiekonzepte. Denn schließlich erlaubt die CO2-freie Nuklearenergie doch die schnellere Abkehr von der umweltschädlichen Braunkohleverstromung. Die existierenden 104 Reaktoren in den USA erzeugen immerhin rund 20 Prozent des amerikanischen Energiebedarfs – und tragen damit erheblich dazu bei, den großen Stromhunger der Amerikaner zu stillen.

Zudem war es der Atomlobby vor dem Hintergrund der CO2-Debatte und des Ölunglücks im Golf von Mexiko im vergangenen Jahr gelungen, einen Imagewandel in der Öffentlichkeit zu schaffen. Die Atomwirtschaft präsentierte sich als saubere und zuverlässige Alternative. Hinzu kam, dass bis vor wenigen Tagen auch die Ereignisse im Meiler Three Mile Island in Pennsylvania im Jahr 1979 weitgehend in Vergessenheit geraten waren.

Im März 1979 war es nach dem Ausfall des Kühlsystems im zweiten Reaktorblock von Harrisburg zu einer partiellen Kernschmelze gekommen. Radioaktiver Wasserdampf wurde in die Atmosphäre abgelassen. Bis heute ist umstritten, wie sehr der Vorfall zu der gestiegenen Zahl von Krebserkrankungen in der Region beigetragen hat. Die politischen Konsequenzen der Katastrophe waren für die Atomindustrie gravierend: 30 Jahre lang wurde keine neue Lizenz zum Bau eines Reaktors bewilligt. Erst in letzter Zeit wurden wieder neue Genehmigungen erteilt. So sollen bis zum Jahr 2020 acht neue Anlagen gebaut werden und dann auch bereits am Netz sein.

Doch unabhängig, ob es zu dem Bau der neuen Kernkraftwerke kommen wird: Die Diskussion dürfte sich jetzt zunächst darum drehen, wie mit den vorhandenen 23 Atommeilern umgegangen wird, die der gleichen Baureihe wie jener in Fukushima angehören. Zudem wird bereits verlangt, zügig jene Anlagen zu überprüfen, die sich in seismisch aktiven Regionen befinden. So produzieren im erdbebengefährdeten Kalifornien vier Kernkrafte Strom. Der demokratische Kongressabgeordnete Edward J. Markey aus Massachusetts forderte schon ein „grundsätzliches Umdenken, wie wir hier in den USA mit der Nuklearsicherheit umgehen“.

Genauer ansehen werden sich Politiker und Experten jetzt sicher auch die Arbeit der Nuclear Regulatroy Commission (NRC), jener Bundesbehörde, die die Einhaltung der Sicherheitsstandards der AKW überwacht und über Laufzeitverlängerungen entscheidet. Dabei geht der NRC der Ruf voraus, Anträge mit relativ leichter Hand zu bewilligen. Bei einer Untersuchung im Jahr 2007 wurde festgestellt, dass bei 70 Prozent der behördlichen Zusagen die Formulierungen wortgleich mit jenen in den Anträgen der Industrie waren. Kritiker glauben, dass viele der Altanlagen aus den 60er und 70er Jahren, die noch auf Jahre hinaus laufen werden, heute nicht mehr genehmigt würden.

Prime Minister of Poland Donald Tusk attends a news conference at the summit of the Visegrad Group in Bratislava
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Polen

Polens Regierung hält ungeachtet der Atomkatastrophe in Japan an ihren Plänen für den Atomeinstieg fest. Polen sei kein erdbebengefährdetes Land, sagte der polnische Regierungschef Donald Tusk (Bild) nach Angaben der Zeitung „Rzeczpospolita“ (Montag). „Es gibt technische und konstruktionsbedingte Möglichkeiten, um ein Atomkraftwerk sicher zu bauen“, betonte Tusk. Im privaten Fernsehsender TVN24 sprach sich Tusk für „radikale Sicherheit“ beim AKW-Projekt aus. „Wir dürfen aber nicht übertreiben. Polen liegt nicht in einer Erdbebenzone“, sagte er. Der Bau des ersten polnischen Atomkraftwerkes soll 2016 beginnen. Als möglicher Standort gilt Zarnowiec nordwestlich von Danzig im Norden des Landes. Der erste Atom-Strom soll 2020 fließen. Bis 2030 sind insgesamt zwei AKW mit einer Gesamtleistung von 6000 Megawatt geplant.

Atomkraftwerk Barsebäck in Schweden stillgelegt
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Schweden
Schweden fährt seit mehreren Jahrzehnten einen energiepolitischen Schlingerkurs: 1980 entschied sich das Land in einer Volksabstimmung für den kompletten Atomausstieg bis zum Jahr 2010. Tatsächlich wurden zwei der damals zwölf Reaktoren (darunter das AKW Barsebäck, Bild) vom Netz genommen. Ende der Neunziger änderte die Regierung jedoch ihre energiepolitische Linie. Der Ausstiegsbeschluss wurde aufgeweicht, das Ausstiegsdatum 2010 wurde gestrichen. Vor zwei Jahren erklärte die jetzige konservative Regierung unter Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt dann endgültig den Ausstieg aus dem Ausstieg und gab sogar grünes Licht für den Bau neuer Atomkraftwerke, wenn ein altes geschlossen wird.

Schweden bezieht rund die Hälfte seines Stroms aus den nunmehr zehn Atomreaktoren. Über 70 Prozent der Bevölkerung befürworten den Atomstrom. Allerdings kippte auch in dem skandinavischen Land die Stimmung unmittelbar nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl. Wie sich die Stimmungslage nach den atomaren Unfällen in Japan ändert, ist noch nicht bekannt. Bislang hat es auf jeden Fall keine größere Diskussion über die Sicherheitsstandard der relativ störungsanfälligen schwedischen Atomkraftwerke gegeben.

Russian Prime Minister Putin gestures during a meeting with local farmers in the Russian town of Tambov
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Russland

In Russland ist kein Ende der nuklearen Stromerzeugung in Sicht – im Gegenteil: Moskau hält an ambitionierten Plänen zum Ausbau der Kernenergie fest und will die Position als eines der führenden Länder beim Bau von Atommailern ausbauen. Das betonte Ministerpräsident Wladimir Putin (Bild) in Tomsk vor Journalisten. Alexander Loschkin, Vize-Präsident der Atomenergiebehörde Rosatom, erwartet allerdings, dass die Katastrophen von Japan „perspektivisch ein gewisses Existenzrisiko für die Branche“ zur Folge haben könnten.

Das passt Russland gar nicht in den Kram, denn Rosatom wollte eigentlich bei einer vermeintlichen Renaissance des Atomstroms mitverdienen: Kürzlich nahm der Konzern im Iran das Kraftwerk Buschehr in Betrieb, nächstes Jahr sollen zwei Blöcke in Bangladesch ans Netz gehen. Im Inland wurde kürzlich der Bau zweier neuer Reaktoren im südrussischen Kraftwerk Kursk-2 beschlossen.

Im Ural-Städtchen Belojarsk entwickelt Rosatom einen Schnellen Brüter. Die Technologie gilt als technologisch komplex und durchaus riskant, von den Anlagen versprechen sich die Russen aber deutlich höhere Wirkungsgrade als bei konventionellen Kraftwerken. In Deutschland wurde eines solchen Brutreaktors im niederrheinischen Kalkar 1991 wegen Sicherheitsbedenken vor der Inbetriebnahme eingestellt. Die Russen wollen mit dieser Technologie zum Exportweltmeister werden – womöglich im Zusammenschluss mit Siemens. Beide Unternehmen haben vor einem Jahr eine Absichtserklärung zur Schaffung eines Gemeinschaftsunternehmens unterschrieben.

In Russland selbst sind aktuell zehn Atomkraftwerke am Netz, deren 30 Reaktorblöcke etwa ein Zehntel des landesweiten Stromverbrauchs liefern. Ein Großteil dieser Anlagen stammt aus Sowjetzeiten, darunter auch Reaktoren des Typs RBMK, der 1986 in Tschernobyl zur bislang schwersten Katastrophe in der Geschichte der friedlichen Kernenergie-Nutzung führte.

  • afp
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