Erster Prozesstag
Mammut-Prozess um die Anschläge von Madrid

Zum Auftakt eines der größten Terrorismus-Prozesse in Europa hat einer der Hauptangeklagten die Anschläge von Madrid verurteilt.

HB MADRID. „Natürlich verurteile ich die Anschläge vollkommen und ohne Einschränkung“, sagte der Angeklagte Rabei Osman Sayed Ahmed, der die Anschläge vom 11. März 2004 zusammen mit anderen Männern geplant und dazu angestiftet haben soll. In Jeans und weißem Jackett hörte sich der auch als „Mohammed, der Ägypter“ bekannte Mann die Liste der Vorwürfe zunächst ungerührt an. Auch als Staatsanwältin Olga Sanchez ihm Aussagen vorhielt, wonach er die Anschläge als „meinen Plan“ bezeichnet haben soll, schwieg er.

Der Prozess wurde knapp drei Jahre nach den Attentaten auf Nahverkehrszüge im Stil der radikal-muslimischen Al-Kaida in Madrid unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen eröffnet. Bei den Anschlägen wurden 191 Menschen getötet und knapp 2000 weitere Menschen verletzt. Vor dem Gericht müssen sich deswegen nun 29 Verdächtige verantworten. Die Urteile werden nicht vor Oktober erwartet.

Im Verlauf des ersten Prozesstages erklärte Ahmed später, er habe keine Verbindungen zur Al-Kaida oder einer anderen Extremistengruppe. „Gott sei Dank bin ich Muslim, aber ich lebe meinen Glauben ganz normal - nicht auf extreme Weise“, sagte er. Allein für Ahmed fordert die Anklage mehr als 38 000 Jahre Gefängnis. Das spanische Gesetz sieht aber eine Maximalstrafe von 40 Jahren Gefängnis vor. Bereits im vergangenen Jahr war Ahmed von einem italienischen Gericht für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden.

Mit der Anhörung von Ahmed beschäftigte sich das Gericht zum Auftakt des Prozesses mit den drei Männern, denen die Anstiftung zu der Tat vorgeworfen wird. Ein vierter sogenannter Ideologe der Gruppe von insgesamt rund 40 Komplizen war unter den sieben Hauptverdächtigen, die sich drei Wochen nach den Anschlägen in einer Madrider Wohnung in die Luft sprengten, um ihrer Verhaftung zu entgehen.

Die Attentäter hatten ihre Sprengsätze auf den Tag genau zweieinhalb Jahre nach den Al-Kaida-Anschlägen in den USA in vier von Berufspendlern genutzten Nahverkehrszügen gelegt und per Mobiltelefon gezündet. Opfer und Angehörige konnten den Prozess von einem Raum unterhalb des Gerichtssaales aus unter psychologischer Begleitung verfolgen. Viele sahen dem Auftakt des Prozesses mit Wut, die anderen voller Bangen entgegen. Das Verfahren wird zudem live im spanischen Fernsehen und im Internet übertragen.

Für die Beweisaufnahme sind fünf Monate veranschlagt. 610 Zeugen und mehr als hundert Experten sollen gehört werden. Das Material der Staatsanwaltschaft umfasst mehr als 100 000 Seiten. Anklage und Verteidigung sind durch jeweils rund 25 Juristen vertreten.

Unter den 29 Angeklagten sind 20 arabischer Abstammung, die meisten davon aus Marokko. Neun Spaniern wird vorgeworfen, den Attentätern bei der Beschaffung des Sprengstoffes geholfen zu haben. Der spanische Hauptkontaktmann muss sich genauso wie mehrere der arabischen Angeklagten für terroristischen Mord und versuchten Mord verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert insgesamt Haftstrafen von mehr als 200 000 Jahren.

Zum Auftakt des Verfahrens verstärkte Spanien seine Sicherheitsvorkehrungen massiv. Die allgemeine Terror-Warnstufe wurde von niedrig auf mittel hochgesetzt; in ganz Madrid sind verstärkt Patrouillen und Überwachungsmaßnahmen angeordnet. Hunderte Polizisten bewachten das Gerichtsgebäude bereits vor dem Morgengrauen.

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