Erster Weltkrieg
Die zerschossene Hand von Massiges

Vergangene Kriege sind oft ein Tabuthema. Eric Marchal will darüber hinweghelfen. Der Franzose versucht, die Erinnerung an den ersten Weltkrieg wachzuhalten – und hat einen ehemaligen Kriegsschauplatz gekauft.
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Paris„Die Stellung war erst deutsch, dann französisch, dann wieder deutsch und schließlich französisch,“ sagt Eric Marchal und streicht mit seiner großen, staubigen Hand über eine Schautafel. Mit seiner Militärhose und dem passenden Hemd könnte man den Hünen leicht für einen Waffennarren halten. Doch er entpuppt sich als ein nachdenklicher Zeitgenosse, der einfach die Erinnerung an diesen Krieg wachhalten will.

Die Franzosen nennen den Ersten Weltkrieg „La Grande Guerre“. Doch groß findet Marchal nichts daran: „Die französischen Soldaten haben ihn doch genauso wenig gewollt wie die deutschen, alle wären lieber bei ihren Familien geblieben,“ sagt er mit einem Anflug von Verbitterung.

Wir stehen auf der „Main de Massiges“, einer Hügelkette rund 80 km östlich von Reims. Sie sieht tatsächlich aus wie eine ausgestreckte linke Hand. Von dieser Höhe aus hat man eine Rundumsicht: Im Südwesten liegt die Marne, im Osten der Wald von Argonne, der ebenfalls heftig umkämpft war, und noch weiter östlich Verdun. 1914 und 1915 fanden um Massiges Schlachten statt, die mit großer Brutalität geführt wurden: „Was man damals ‚lokale Kämpfe‘ nannte, waren Metzeleien mit täglich 1000 Toten“, sagt Marchal.

Hundert Jahre ist der Krieg her. Er liegt weit entrückt in der Vergangenheit. Und doch ist er gegenwärtig, auf teils makabre Weise: Noch immer werden Gefallene ausgegraben. Der Krieg ist historisiert, obwohl nicht einmal alle Toten ein ordentliches Grab gefunden haben. „Wir haben mehrere Leichname gefunden, den letzten vor zwei Wochen: Ein französischer Soldat, der aus Cherbourg kam.“ sagt Marchal, der seit einigen Monaten gemeinsam mit ein paar Freunden in privater Initiative die Stellung auf dem Hügel ausgräbt.

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