Erstmals Zeugenaussagen
Tumulte beim Saddam-Prozess

Mit tumultartigen Szenen während der Zeugenbefragung ist der Prozess gegen den irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein und sieben Mitangeklagte fortgesetzt worden. Die Anwälte, vor allem der ehemalige US-Justizminister Ramsey Clark, zweifelten die Rechtmäßigkeit des Verfahrens an und forderten mehr Schutz für die Verteidiger.

HB BAGDAD. In dem am 19. Oktober begonnenen Prozess geht es um ein Massaker in dem schiitischen Ort Dedscheel im Jahr 1982 nach einem gescheiterten Anschlagversuch auf Saddam. Im Gerichtssaal kam es dabei zu chaotischen Szenen, als die Zeugen von den Angeklagten wiederholt unterbrochen und lautstark als Lügner beschimpft wurden. Schon zuvor hatte es einen Eklat gegeben, weil die Verteidiger Saddams die Sitzung für eineinhalb Stunden aus Protest gegen die angeblich fehlende Legitimität des Verfahrens verließen. Saddam erklärte: „Ich habe keine Angst vor einem Todesurteil.“

Gleich zu Beginn der neuen Verfahrensrunde meldete sich Clark als einer der neuen Verteidiger Saddams zu Wort, um die Rechtmäßigkeit des Verfahrens anzuzweifeln. Sein Gesuch wurde von Richter Risgar Mohammed Amin jedoch mit dem Hinweis abgelehnt, ein solcher Einwand müsse schriftlich eingereicht werden, wie der Korrespondent des US- Nachrichtensenders CNN berichtete. Zudem wies Amin den amerikanischen Anwalt darauf hin, dass die Amtssprache im Gericht arabisch sei.

Daraufhin verließen die Anwälte aus Protest den Saal, und der Richter ordnete eine Verhandlungspause an. Im Laufe der Debatte war Saddam empört aufgestanden und hatte erklärt, er werde unter diesen Bedingungen nicht mit dem Gericht zusammenarbeiten. Der Halbbruder Saddams, Barsan al-Tikriti, rief: „Lange lebe der Irak“. Ein anderer Angeklagter bekundete lautstark, das Gericht solle doch gleich alle Angeklagten hinrichten lassen.

Nach eineinhalbstündiger Verhandlungspause erhielt Clark dann doch die Erlaubnis, seine Einwände vorzutragen. Clark erklärte auf Englisch, dass für die irakische Nation eine Versöhnung unerlässlich sei. Wenn das Verfahren aber nicht fair sei, bestehe die Gefahr, dass sich der Graben zwischen den Bevölkerungsgruppen vertiefe. Als eine der Bedingungen für ein faires Verfahren forderte Clarke mehr Schutz für die Anwälte, von denen bereits zwei ermordet wurden.

Als erster Zeuge sagte ein ehemaliger Bewohner Dedscheels aus. Er berichtete, dass das Dorf von den Militärs nach dem Anschlagversuch eingekesselt und auch aus der Luft beschossen worden sei. Anschließend seien Männer, Frauen und Kinder festgenommen worden. Der Zeuge Ahmed Hassan Mohammed berichtete unter Tränen, Mitglieder seiner Familie seien im Gefängnis von Dedscheel gefoltert worden. „Ich schwöre bei Gott“, sagte der 38-Jährige vor Gericht. „Ich kam an einem Raum vorbei und sah da einen Fleischwolf, aus dem Blut strömte, und darunter lag menschliches Haar.“ Ein Bruder sei mit Elektroschocks misshandelt worden und ihr 77-jähriger Vater habe dabei zusehen musste. „Einem Mann wurde ins Bein geschossen. Andere wurden zu Krüppeln geschlagen und ihre Arme und Beine waren gebrochen.“

Dabei belastete er einen Halbbruder Saddams schwer, der mit dem Ex-Präsidenten auf der Anklagebank sitzt. Barsan al-Tikriti war zum Zeitpunkt des Massakers Chef des berüchtigten Geheimdienstes Muchabarat und bis zuletzt ein enger Berater Saddams. Von der Anklagebank aus bezichtigte er den Zeugen wiederholt der Lüge und schmähte ihn als Schauspieler: „Sie sollten ihm Kino auftreten!“

Nach dem gescheiterten Anschlag auf Saddam waren über 140 Jungen und Männer hingerichtet worden. Die Verteidigung argumentierte anschließend, der Zeuge könne unmöglich noch so viele Details wissen - er habe anscheinend die Akten studiert und auswendig gelernt. Sie warfen ihm ferner vor, fehlerhafte Angaben gemacht zu haben. Saddam und sein Halbbruder fielen dem Zeugen mehrmals ins Wort. Ein zweiter Zeuge, Dschawad Abdel Asis, berichtete, wie die Saddam-Garden bei ihrer Ankunft auf die Menschen geschossen hätten.

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