„Es reicht jetzt!“
Ökonomen warnen vor Euro-Schuldenvirus

Portugal ist hochverschuldet und braucht EU-Milliarden. Ökonomen warnen aber vor einem Dominoeffekt. Ifo-Chef Sinn sieht Spanien und Italien als mögliche nächste Schuldenopfer und mahnt: "Das schaffen selbst wir nicht."
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Lissabon/Brüssel/BerlinPortugals Flucht unter den Euro-Rettungsschirm ist in der Politik zumeist mit Erleichterung aufgenommen worden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble begrüßte die Entscheidung der geschäftsführenden Regierung in Lissabon als vernünftigen und notwendigen Schritt angesichts der finanziellen Lage des Landes. Ökonomen warnten jedoch angesichts des portugiesischen Antrags auf EU-Milliardenhilfen vor einem Dominoeffekt.

Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro sagte, die Politik müsse nun ein glaubwürdiges Programm auflegen, um das Land vom Rest des Euro-Raums abzuschotten, weitere Ansteckungen müssten verhindert werden. Das gelte auch für den Fall, dass der Patient Griechenland nicht um eine Umschuldung herumkomme: „Es kann auch Ansteckungen relativ solider Länder geben“, sagte die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Damit nicht spekuliert werde, wen es als nächstes trifft, dürfe Griechenland nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr verlangten die Märkte gleichzeitig klare Ankündigungen zum weiteren Vorgehen bei Ländern wie Irland, Portugal und vielleicht auch Spanien: „Es werden unterschiedliche Lösungen sein müssen, weil die Ursache der Probleme auch unterschiedlich ist.“

Auch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn warnte angesichts der Bitte Portugals um EU-Finanzhilfen erneut vor ausufernden staatlichen Rettungsmaßnahmen gewarnt und starken Belastungen für Deutschland. Zuerst seien es Griechenland und Irland gewesen, nun Portugal. Danach könne es auch um Spanien und Italien gehen, sagte Sinn „bild.de“ am Donnerstag. „Es reicht jetzt. Damit übernehmen wir uns. Das schaffen selbst wir nicht. Italien hat so viele Schulden wie Deutschland“, sagte der Wirtschaftsforscher und kritisierte, dass die zuletzt vereinbarte Erhöhung der Haftungssummen den Schuldenländern noch länger erlauben würde, über ihre Verhältnisse zu leben. Zudem bestehe die Gefahr, dass geleistete Hilfe verloren gehen könne.

„Je mehr Geld fließt, desto länger leben die überschuldeten Länder über ihre Verhältnisse, desto mehr ist verloren. Gutes Geld dem schlechten hinterher zu werfen, war noch nie eine besonders gute Idee“, bekräftigte Sinn. Neuere und größere Rettungsschirme würden
auch nicht ohne Folgen für die Verbraucher und Steuerzahler bleiben. Die Politiker setzten „mit dieser Politik unsere Rente aufs Spiel“.

Portugal bildet nach Einschätzung von EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny einen Schlusspunkt bei der Flucht unter den Euro-Rettungsschirm. Auf die Frage von Journalisten, ob Portugal als letztes Euro-Land Hilfe bei Europäischer Union (EU) und Internationalem Währungsfonds (IWF) beantrage, antwortete der Chef der österreichischen Notenbank am Donnerstag: „Ja, auf jeden Fall“.

Portugal hat am Donnerstag offiziell den Antrag an die EU-Kommission und die Euro-Gruppe gestellt, machte aber zunächst keine Angaben zum Umfang der nötigen Hilfen. Nach Schätzungen in EU-Kreisen könnte das Kreditpaket gut 80 Milliarden Euro schwer werden. Die finnische Regierung sprach von 75 bis 78 Milliarden Euro, in portugiesischen Medien wurde auch die Zahl 90 Milliarden Euro genannt. Offen ist damit auch noch der deutsche Beitrag zu den Hilfen.

Das größte Euro-Land steuert einen prozentualen Anteil an den Garantien bei, der sich nach Reuters-Berechnungen auf etwa zwölf bis 14 Milliarden Euro summieren dürfte, wenn ein ähnlicher Verteilungsschlüssel wie bei Irland angewendet wird. Portugal ist nach Griechenland und Irland das dritte Mitglied der Euro-Zone, das auf den Druck der Kapitalmärkte reagieren und um Unterstützung seiner Partnerländer bitten muss.

Nach Einschätzung von Analysten bleibt abzuwarten, ob die Kettenreaktion damit zum Ende kommt. „Man hat das Gefühl, die Sache ist mit den drei Ländern abgearbeitet. Wenn es aber zu neuen Verspannungen an den Finanzmärkten kommt, könnte das auf
andere Länder wie Spanien übergreifen“, sagte Eugen Keller vom Bankhaus Metzler.

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  • Die größte Lüge ist ja sowieso die, dass immer gesagt wird, wir müssen die Länder retten. Nein, wir retten nur die Banken. Profitieren davon tun dann wieder andere europ. Banken nämlich in der Hauptsache französische und auch die Deutsche Bank. Deswegen ist ja auch dieser Bonsai aus Paris, Sarkozy so für den Euro-Rettungsschirm
    Es ist also wieder nur eine Bankenrettung.
    Das gesamte polit. Personal Deutschlands gehört vor Gericht

  • Es gibt keine Spekulanten oder Angriffe auf einzelne Länder. Wer darf denn die ganzen Staatsanleihen überhaupt direkt kaufen?
    Im Schnitt dürfen nur ca. 30 ausgewählte Banken und große Fondgesellschaften direkt bei den Staaten Anleihen kaufen. Und diese verteile sie dann weiter.
    Wenn wir also davon reden, dass die Zinsaufschläge steigen, reden wir von einem Käuferstreik und nicht von Spekulation. Und wenn IE oder Portugal kein Geld mehr am Kapitalmarkt bekommen, sind es genau diese Banken die nicht kaufen wollen, weil sie sich selbst keine faulen Anleihen- Eier ins Portfolio legen wollen.
    Man wird den Ramsch schlicht und einfach nicht mehr los. Das kann man ja aber nicht zugeben, sondern erfindet das Märchen von den Spekulanten.
    Und nun frage ich mich warum die bei den hohen Zinsen nicht mehr kaufen, sondern die EZB einspringen muss, wenn das ein so glänzendes Geschäft ist? Und der Euro so sichre und immer gerettet wird und alles TINA ist und überhaupt der „Endsieg“ naht?
    Nachtigall ich hör dir .... Immer schön die Handlungen der Insider ansehen, dann weiß man eigentlich bescheid.

  • Was die EU braucht sind Entschuldungsanleihen bei allen Ländern mit 4% Tilgung und 1% Zins.

    Die würde der Markt nicht kaufen, aber dann eben die EZB.

    Gekoppelt mit einem Neuverschuldungsverbot können sich alle Staaten in den nächsten 30 Jahren entschulden.

    Folge: Mangels neuer Anleihen, keine Spekulation gegen Staaten und den Euro mehr möglich.

    Anleger müssen sich dann andere Opfer für ihre Banditen-Renditen suchen.

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