Eskalation in Ägypten
Militär wirft Präsident Mursi aus dem Amt

Die ägyptische Armee hat die Kontrolle in Kairo übernommen. Am Abend verkündeten Vertreter, dass Präsident Mursi abgesetzt sei. Kommissarisch werde eine neue Regierung eingesetzt. Mursi-Anhänger drohten mit Widerstand.
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KairoNach nur einem Jahr im Amt haben die Streitkräfte in Ägypten Staatschef Mohammed Mursi entmachtet. Die Armeeführung betraute am Mittwochabend den Präsidenten des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, mit der Staatsführung, setzte die Verfassung außer Kraft und kündigte vorgezogene Präsidentschaftswahlen an. Vorausgegangen waren tagelange Massenproteste gegen den islamistischen Präsidenten, dem seine Gegner vorwerfen, die Revolution von 2011 verraten zu haben.

Am Abend verkündeten hochrangige Vertreter des Militärs, dass Präsident Mursi abgesetzt sei. Kommissarisch übernehme Verfassungsgerichtspräsident Adli Mansur die Regierungsführung. Zuvor war berichtet worden, dass die Militärkommandeure zunächst einen Präsidialrat aus drei Mitgliedern bilden wollen, an dessen Spitze der Vorsitzende des Verfassungsgerichts stehen solle. In einer neun- bis zwölfmonatigen Übergangszeit würde dann eine neue Verfassung erarbeitet und der Weg zu Präsidentschaftswahlen geebnet.

Ägyptens entmachteter Staatschef Mursi rief seine Anhänger zum friedlichen Widerstand auf. Mursi rufe dazu auf, friedlich gegen den "Putsch" aufzubegehren, sagte ein enger Vertrauter Mursis am Mittwochabend. Anhänger Mursis drohten bereits damit, sich gegen die Pläne des Militärs zu wehren: „Im Interesse Ägyptens und für die historische Genauigkeit, lasst uns das, was passiert, beim Namen nennen: ein Militärputsch“, erklärte Mursis Sicherheitsberater Essam al-Haddad im Online-Netzwerk Facebook. „Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich mir vollkommen bewusst, dass es vielleicht die letzten sind, die ich auf dieser Seite veröffentlichen werde“, so Mursis Sicherheitsberater weiter.

Zuvor hatten Soldaten die Kontrolle auf Kairos Straßen übernommen und mit Barrieren und Stacheldraht die Kaserne abgeriegelt, in der sich Mursi aufhält. Trotzdem erklärten Mursis Anhänger nach seiner Absetzung, dass der Präsident an einen sicheren Ort gebracht worden sei.

In Kairo wurde die Ankündigung mit Freudenkundgebungen begrüßt. Feuerwerksraketen stiegen in den Himmel, hupende Autokorsos kreuzten durch die Stadt. Auf dem Tahrir-Platz, wo sich Zehntausende Mursi-Gegner versammelt hatte, feierten die Menschen schon in den frühen Abendstunden den Abgang des Präsidenten. Die Islamisten wollen hingegen seine Entmachtung nicht hinnehmen.

Nach Ablauf des Militär-Ultimatums war die Armee mit Panzern ausgerückt. Nach Angaben von Augenzeugen fuhren Militärfahrzeuge in der Hauptstadt Kairo und in anderen Städten durch die Straßen. Die staatliche Zeitung „Al-Ahram“ berichtete, die Panzer seien ausgefahren, „um in den nächsten Stunden Gewaltakte zu verhindern, die die nationale Sicherheit bedrohen könnten“. Nach offiziell unbestätigten Angaben aus Kreisen des Flughafens in Kairo verhängten ägyptische Behörden ein Ausreiseverbot gegen Präsident Mursi. Davon betroffen waren den Angaben zufolge auch führende Mitglieder der Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt.

Außenminister Guido Westerwelle appellierte an alle Beteiligten, den Weg in Richtung Demokratie fortzusetzen, auf Gewalt zu verzichten und auf Dialog zu setzen. Auch das amerikanische Außenministerium forderte ein Ende der Gewalt.

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  • Militär putscht Präsident Mursi aus dem Amt
    ++++++++++++++++++++++++++++++++++
    Wow,
    vor so einem Weisen eingreifen des Militärs
    für die Demokratie und das Volk habe ich Hochachtung!
    Ich bin wirklich beeindruckt!
    Das ist unglaublich!!!
    ++++++++++++++++++++++++++++++++
    Da wäre 100% der „Friedensnobelpreis“ fürs Militär angebracht!
    Da geht einem doch das Herz auf...

    Da können sich
    CDU GRÜNE SPD FDP LINKE CSU
    aber einige Scheiben abschneiden
    in Sachen Achtung vor dem Volk & Demokratie!

    Aber Gott sei Dank sind am 22.September 2013 Wahlen...
    Da werde ich die AfD wählen, Alternative für Deutschland.
    Vielleicht gibt’s dann endlich hier auch Demokratie!

  • Ach, wie haben sich doch unsere gutmenschlichen "Kwalitätstschornalisten" gefreut, daß in Nordafrika nach völlig kulturlosen Jahrtausenden endlich "demokratische" Verhältnisse nach deutschem Standard eingeführt wurden.
    Am besten noch mit deutschen Gesetzen, Steuern, Vorschriften, Bürokratie, Gängelung, Unterdrückung, mit Mutantenstadl jede 2. Woche, Politbarometer, (B)Lindenstraße und "Haf".

    Mit Pipi in den Augen hat man das Ende Mubaraks (der den Laden dort mit Billigung und Unterstützung der USA noch einigermaßen unter Kontrolle gehalten hatte) gefeiert und sich gefreut wie kleine Kinder, daß endlich die geliebten lupenrein demokratischen Muslimbruderschaften (wie demnächst auch in DE) die Macht übernahmen- wie und mit welchen Methoden auch immer...
    Und jetzt?
    Jetzt beginnen die ganzen geistigen Bettnässer alle mit dem kollektiven Zähneklappern, weil es nach Militärdiktatur riecht.
    Na und? Es geht um Ägypten, nicht um das Homo-Paradies DE!
    Nehmt das zur Kenntnis, auch im AA!
    Und unterlaßt jede Einmischung!

    P.S. Man kann auch woanders Urlaub machen, z.B. in der CH.
    Da gefällt es mir viel besser, da läuft nämlich wegen der Preise eh" viel weniger deutsche Plebs herum! ((:



  • es ist bei jeder arabischen revolution ein ähnliches bild.
    mittels westlicher instrumente (twitter, facebook, etc) werden landesfürsten gestürzt. neue werden demokratisch gewählt. die neugewählten versuchen, das rad wieder zurück zu drehen, indem sie ihre alten kulturellen werte wieder einführen wollen. ein großteil des volkes will aber erneuerung. der kampf der kulturellen veränderung ist im vollen gange.

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