Essay
China – nur ein Scheinriese

Wer zu Jahresbeginn einen Ausblick für die Volksrepublik China gelesen hat, bekam den Eindruck, das große Reich stehe kurz vor dem Kollaps. Proteste, Massenarbeitslosigkeit und "heikle" Jahrestage wurden als große Tests für Peking im Jahr 2009 gesehen. Wie 1989 könne die Gemengelage aus sozialen und gesellschaftlichen Spannungen in der ersten Jahreshälfte für "politischen Zündstoff" sorgen, lauteten die Prognosen.

Doch wie so oft bei der China-Bewertung lagen die westlichen Auguren falsch. Die Machthaber hinter den hohen Mauern des Pekinger Regierungsviertels Zhongnanhai können sich erst einmal entspannen. Weder der 50. Jahrestag des Volksaufstands in Tibet im März noch die "Bewegung 4. Mai", mit der Intellektuelle vor 90 Jahren in China die Moderne auf den Weg brachten, erzeugten irgendeine Debatte.

Nicht mal der 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers Anfang Juni konnte das Land erschüttern. Während alle Welt das Ende der Demokratiebewegung analysierte, fand er hinter der großen Mauer der Zensur schlichtweg nicht statt. Hier blieben Fotos und Berichte von damals verboten, kamen Dissidenten vorsorglich in Arrest. War da was?

Chinas Führung hat, so scheint es, auch diesen Sturm nach Olympia mit geschicktem Kurs und harter Hand überstanden. Dagegen müssen sich kritische ausländische Medien einmal mehr den Vorwurf anhören, sie verschlössen sich mit "westlicher Arroganz" Chinas Wandel. Das ist zwar nicht richtig, denn Chinas Aufstieg vom kranken Mann Asiens zur viertgrößten Wirtschaftsnation wird allgemein als eine der beeindruckendsten Leistungen der vergangenen Jahrzehnte gewürdigt. Doch die künstlich erzeugte Debatte über das China-Bild im Westen hat einen anderen Zweck: Sie soll ablenken und jeden nüchternen Blick auf die Volksrepublik verhindern.

Dabei ist eine sachliche China-Betrachtung momentan wichtiger denn je zuvor. China steht, wie Michael A. Santoro in seinem neuen Buch "China 2020" schreibt, vor seiner historisch vielleicht entscheidendsten Phase. "Das nächste Jahrzehnt wird für China eines der wichtigsten in seiner langen Geschichte werden", ist Santoro überzeugt. Welchen Weg Peking wählen wird, das werde für die ganze Welt von großer Bedeutung sein.

Für eine Antwort auf diese Frage sollte man zunächst genauer betrachten, wie sich China in den vergangenen 20 Jahren gewandelt hat. Noch nie zuvor ist ein Land so schnell an die Weltspitze gerückt, noch nie zuvor ist eine Einheitspartei ökonomisch so erfolgreich gewesen. Doch der begeisterte Blick auf die Skyline von Schanghai reicht ebenso wenig aus wie das Staunen über die vielen neuen Autos auf Pekings Stadtautobahnen. Das mit der wirtschaftlichen Dynamik entstandene China-Bild hat etwas von einem Scheinriesen: Aus der Ferne wirkt alles gewaltig. Mit jedem Schritt, mit dem man sich dem Land jedoch nähert, geht die Verzauberung verloren.

So gilt zum Beispiel Chinas streng kontrollierter Bankenmarkt gerade in der Krise als Hort der Stabilität und Sicherheit. Chinas Bankensystem sei aufgrund seiner Abkapselung von der globalen Welt gegenüber anderen Finanzsystemen deutlich überlegen, erklärte jüngst US-Großinvestor George Soros der Welt. Dass die Pekinger Regierung in den vergangenen Jahren rund 200 Mrd. Dollar in die heimischen Institute pumpen musste, um die maroden Staatsbanken überhaupt erst einmal fit für den Wettbewerb zu machen, ist schon vergessen. Auch die sich im Westen verbreitende Auffassung, China werde in jedem Fall gestärkt aus der globalen Krise hervorgehen, kann nur mit "wishful thinking", wie der "Economist" treffend die China-Sicht im Westen beschreibt, erklärt werden. Wer näher hin- und hinter die Kulissen schaut, wird sehr viel skeptischer urteilen.

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