Essay
Der nukleare Selbstbetrug

Vor 40 Jahren wurde der Atomwaffensperrvertrag paraphiert – den Griff der Klein- und Mittelmächte nach der Bombe hat er nicht behindert. Deshalb droht kein Atomwaffen-Konflikt der Supermächte mehr, es ist vielmehr die nukleare „Provinz“, die ins Rampenlicht rückt. Ein Essay.

How can I save my little boy from Oppenheimer’s deadly toy?“ Diese emotional aufgeladene Frage stellte 1985 der englische Sänger Sting. Es war das Jahr 1985, exakt 40 Jahre nach Hiroshima. Die Sorge, die den Popbarden Gordon Matthew Thomas Sumner, so Stings bürgerlicher Name, in seinem damals komponierten Song „Russians“ umtrieb, hat bis heute nichts an Aktualität verloren, trotz des Abschieds vom Kalten Krieg.

Denn heute droht zwar kein mit Atomwaffen ausgetragener Konflikt der Supermächte mehr. Dafür aber rückt die nukleare „Provinz“ ins Rampenlicht. Vor zehn Jahren, zwischen dem 11. und 13. Mai 1998, wurden in Indien fünf Atomsprengköpfe getestet. Alle Versuche waren, wie aus Delhi damals glaubhaft zu hören war, erfolgreich. Und das 1947 als Folge missratener britischer Entkolonialisierungspolitik zu Indiens Erzfeind getrimmte Pakistan zog prompt nach: Gerade einmal zwei Wochen später, am 28. Mai, betätigte es den atomaren Zünder.

Indien, das sich die nukleare Option bereits seit den 70er-Jahren vor allem mit Blick auf China stets offen hielt, verzichtet allerdings bis heute auf einen Ersteinsatz dieser Waffe. Delhi versichert in seiner Nukleardoktrin zugleich, „unter keinen Umständen“ Staaten zu attackieren, die nicht über Atomwaffen verfügen.

Ganz anders Pakistan: Dessen Strategie sieht explizit einen atomaren Erstschlag vor. Der Adressat lässt sich leicht orten. Die exponierte Lage zu Afghanistan und der deshalb einmal mehr geprobte, für Islamabad stets höchst profitable Schulterschluss mit den USA rät allerdings – noch? – zur Mäßigung. Die Angst vor der „islamischen Bombe“ wird dadurch keineswegs relativiert. Denn in krassem Gegensatz zur indischen Demokratie, eng angelehnt an das Muster „Westminster“, räumt man in Pakistan dem Primat der Politik über die Streitkräfte keinen besonders hohen Stellenwert ein.

Es gibt noch einen anderen wesentlichen Unterschied zwischen den Nachbarn, was Washington nicht von ungefähr mit einer jüngst formulierten, wenn auch auf beiden Seiten noch strittig diskutierten Offerte einer „strategischen Partnerschaft“ an Delhi, einschließlich einer Atomkooperation, würdigte: Indien hat nukleare Expertise nie wohlfeil anderen Staaten angeboten. Demgegenüber sind Pakistans dubiose Geschäfte einschlägig dokumentiert: Der frühere Chef des dortigen Atomprogramms, Abdul Khan, hat zugegeben, entsprechende militärisch nutzbare Technik an Libyen, Iran und Nordkorea verscherbelt zu haben.

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