Essay
Generation Tiananmen

China verdrängt die Protestbewegung von 1989. In China findet eine Vergangenheitsbewältigung nicht statt, weder öffentlich durch die Politk noch privat in der Familie. Die Vergangenheit zu bewältigen bleibt selbst für die Demonstranten von damals schwierig.

Für die vier Jahrgänge, die zwischen 1985 und 1988 an einer chinesischen Hochschule eingeschrieben waren, gibt es kein Datum, das sie bis heute so intensiv und kollektiv verbindet wie der 4. Juni 1989. Wir haben uns damals geschworen, dass wir diesen Tag nie wieder vergessen werden.

Die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Chinesisch: Tiananmen) in Peking waren der Hauptgrund, warum sich viele Angehörige meiner Generation im Verlauf der vergangenen 20 Jahre über die ganze Welt verteilt und auf ihr verloren haben. Die meisten von uns haben ihren Schwur nicht vergessen. Viele von uns blicken in diesen Tagen jedoch mit sehr gemischten Gefühlen zurück auf ein Ereignis, welches unsere Biografie so nachhaltig geprägt hat.

Der 4. Juni 1989 war ein regennasser Sonntag in Schanghai. In den Morgenstunden kamen die unheilvollen Nachrichten aus Peking über den Staatsrundfunk, über die stark gestörte Kurzwelle der BBC und gingen von Mund zu Mund. Es schüttete aus allen Wolken, so sagten an diesem Tag viele, als ob der Himmel wüsste, was in der Nacht zuvor geschehen war. So etwas zu sagen trauten sich in den Morgenstunden des 4. Juni noch viele. Wenige Tage später war schon alles anders. Der Regen hörte allmählich auf, als ich am Mittag Fotos von den Straßenblockaden im Stadtzentrum Schanghais machte. Die Kampfpanzer warteten 20 Kilometer außerhalb der Stadt auf weitere Befehle. Dass es in Schanghai an diesem Tag und den darauffolgenden Tagen nicht zum Blutvergießen kam wie in Peking, war ein wichtiger Grund für den späteren Aufstieg des damaligen örtlichen Parteichefs Jiang Zemin. Als Deng Xiaoping kurz darauf Jiang in die Hauptstadt holte und zum Generalsekretär der KP Chinas machte, sahen ihn viele Beobachter als bloßen Mann des Übergangs. Das war eine von vielen Fehldiagnosen selbsternannter Experten zur Entwicklung Chinas in den letzten zwei Dekaden.

Mein Vater war kein China-Experte. Er hatte mich von Anfang an gewarnt, ich solle mich bloß nicht in die Studentenproteste einmischen. Das Ganze werde in einem Blutbad enden, sagte er mit ernster Miene. Es war Anfang Mai, kurz nach der triumphalen Massendemonstration der Pekinger Studenten und wenige Tage vor dem Staatsbesuch von Michail Gorbatschow. Ich, damals 21, Student an einer der besten Universitäten Schanghais, hörte mir täglich die Analysen der BBC im Radio an und las die Kommentare der "South China Morning Post" aus Hongkong. Unsere australische Dozentin kaufte sie jeden Tag im Peace Hotel und gab sie an uns Studenten weiter.

Ich glaubte, alles besser zu wissen als mein Vater. Aber er sollte recht behalten. Als ich einen Monat später, an jenem Regentag vor den quergeschobenen Linienbussen an der Kreuzung der Südlichen Tibetstraße in Schanghai stand, konnte ich an nichts anderes mehr denken als an die unfassbare Vorhersage meines eigenen Vaters. Mein Vater war damals 50. Er brauchte keine BBC-Sendungen. Anders als ich hörte er das System ticken, weil er sein gesamtes Leben unter diesem System gelebt hatte.

Mein Vater starb sehr plötzlich Anfang 2000. In all den Jahren zuvor sprachen wir nie wieder über seine Warnung. Nicht in jenem langen Jahr, das ich nach dem 4. Juni noch an der Universität in Schanghai erdulden musste. Und auch später nicht, als ich in Deutschland studierte und er mich besuchte. Wir verloren beide kein Wort mehr über das, was geschehen war. Nur einmal holte uns die Vergangenheit doch kurz ein: 1993 besuchte ich meine Eltern in Schanghai und fragte, wo meine Fotos aus dem Jahr 1989 geblieben waren. "Verbrannt", sagte meine Mutter einsilbig.

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