Essay
Japan: Welke Wirtschaft

Japans Misere in den 90er-Jahren ähnelte verblüffend der jetzigen Finanzkrise: Am Anfang der Kette waren Immobilien, deren Preis angeblich nur steigen konnte. Am Ende fehlten Hunderte von Milliarden Euro in den Bilanzen. Was sind die Lehren?

Bis zu diesem Jahr konnten die Japaner sich rühmen, die größte Finanzkrise aller Zeiten verursacht und durchgestanden zu haben. Die Wertvernichtung der Tokioter Krise ab 1990 bedeutete einen Rekord in der Wirtschaftsgeschichte. Der Rekord ist nun gebrochen. Doch die Krisen gleichen sich in ihren Grundzügen: In Fernost wie in den USA waren es am Anfang der Kette Immobilien, deren Preis angeblich immer nur steigen konnte.

Diesmal ist die Krise komplexer. Die Finanzwelt ist kreativer geworden, und generell sind US-Investmentbanker pfiffiger als ihre Kollegen in anderen Teilen der Welt. Sie gestalteten den Transfer der Immobilienwerte in einen aufgeblähten Markt raffinierter. Der Effekt war allerdings derselbe: Als die Immobilienpreise sanken, platzte die Blase. In den japanischen Bilanzen fehlten plötzlich 800 Milliarden Euro nach heutigem Wechselkurs. Die OECD spricht für die aktuelle US-Krise von einer guten Billion Euro.

Wegen der Ähnlichkeiten zwischen den Krisen sind Japans Politiker vor einigen Wochen mit gutem Rat hausieren gegangen. Sie wollten den Amerikanern und der Welt erklären, wie sie ihren Schweinestall schließlich ausgemistet haben. Der Premierminister, der Finanzminister, Bürokraten - alle boten Rat an.

Die wichtigste Lehre aus dem japanischen Bankendebakel war: Geschwindigkeit zählt, Verschleppen funktioniert nicht. Das harmoniesüchtige Inselreich hatte in den 90er-Jahren noch geschlagene sechs Jahre lang gehofft, die Banken könnten sich ohne Kapitalspritze selbst heilen. Erste zaghafte Versuche, die Kapitalbasis der Finanzbranche zu stärken, gingen schief. Bis zur Offenlegung des wahren Zustands der Banken dauerte es weitere zwei Jahre. Bis zur Lösung des Problems weitere acht, unterm Strich also 16 Jahre.

Die Japaner erwarteten permanent die Rückkehr zu den Verhältnissen der goldenen 80er-Jahre, zu Turbo-Wachstum und Vollbeschäftigung. Hatte die Welt nicht gerade noch voller Bewunderung auf Japan geblickt? Bücher aus jener Phase stellen das Land als Utopia dar. Sie unterstellten ihm besondere Managementweisheit, Effizienz, Fleiß. Schön koordiniert zogen Regierung und Industrie an einem Strang, um ewiges Wachstum zu schaffen - so schien es.

Die Story war Rechtfertigung für immer höher fliegende Bewertungen am Immobilienmarkt. Politologen sprachen bereits von den G2: Tokio und Washington als neuer Weltachse. Das Nomura-Forschungsinstitut rechnete vor, dass die japanische Wirtschaft bis 2010 größer sein werde als die der USA. Die Rüstungsausgaben lagen auf Platz drei hinter der Sowjetunion. Der Roman "Rising Sun" von Michael Crichton griff die Stimmung der Zeit auf und stellte Japan als hypereffiziente Gegenwelt zu den USA dar.

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