Essay
Land der Lügen, Reich des Wandels

China wird sich globalen Werten anpassen müssen. Nicht heute, nicht morgen – aber ganz sicher. Und die Olympischen Spiele können dabei trotz allem helfen.

DÜSSELDORF. Sun Wukong kennt in China jedes Kind. Der Affenkönig aus dem klassischen Romanepos „Die Reise nach Westen“ hüpft mit Leichtigkeit in einem Satz über 58 000 Kilometer, verwandelt sich in 72 verschiedene Wesen und kann aus jedem seiner Haare ein wildes Tier zaubern. Als Waffe trägt der Affenkönig einen Wunderstab mit sich herum, den er so klein wie eine Stecknadel machen und in seinem Ohr verstecken kann – aber auch so groß wie einen Turm und so schwer wie drei Kriegselefanten. Mit dieser fürchterlichen Keule schlägt Sun Wukong Geister, Dämonen und Widersacher aller Art in die Flucht.

Chinas Kommunisten und ihre Politik kann man gut mit dem Affenkönig und seiner Zauberkeule vergleichen, wie schon vor Jahren der kürzlich verstorbene Schriftsteller und Diplomat Erwin Wickert schrieb. Brutale Herrschaftsgewalt und kommunistische Ideologie schrumpfen im Wirtschaftswunderland China manchmal, so scheint es zumindest von außen, zur Quantité négligeable. Doch die Ereignisse in Tibet haben der Weltöffentlichkeit zugleich gezeigt: Chinas Staats- und Parteiführer in Peking schwingen nicht nur die verbalen Keulen, wenn es darauf ankommt, sondern sie schlagen auch brutal und unerbittlich zu gegen jede Opposition.

In Wahrheit verbinden sich eben in der Volksrepublik nach wie vor, was allzu viele ausländische Kurzzeitbeobachter als sich gegenseitig ausschließende Widersprüche empfinden: schnelle wirtschaftliche Modernisierung, zunehmende gesellschaftliche Vielfalt und diktatorische Gewaltherrschaft. Es gibt dafür ein schönes Symbol im neuen Peking: Das chinesische Staatsfernsehen CCTV residiert künftig in einem der modernsten und spektakulärsten Hochhäuser der Welt, dem verschränkten Doppelturm des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas. Dort in den Büros arbeiten viele kritisch denkende, an amerikanischen Eliteuniversitäten ausgebildete chinesische Intellektuelle. Aber während der Straßenkämpfe in Lhasa im März sendete CCTV pausenlos Propaganda im klassenkämpferischen Primitivjargon der maoistischen Kulturrevolution: „Wir befinden uns in einer entschlossenen Schlacht mit Blut und Feuer gegen die Dalai-Lama-Clique.“

Es gibt nicht ein Gesicht Chinas – es gibt nur viele Gesichter Chinas. Zwischen Xian und Schanghai, zwischen Harbin und Kanton erstreckt sich ein gewaltiges Reich voller politischer Widersprüche, ökonomischer Ungleichzeitigkeiten und gesellschaftlicher Brüche. Wir versuchen im Handelsblatt mit einer aufwendig recherchierten Reportage-Reihe in den nächsten drei Wochen, dieses widersprüchliche China zu porträtieren. Es gibt ein China der verlassenen Aids-Waisenkinder und der Internet-Millionäre, ein China der Laogai-Straflager und der wachsenden Mittelschichten, ein China der rechtlosen Wanderarbeiter und der verwestlichten Künstler.

Nur: Dieses wirkliche China der Widersprüche sollen wir nicht sehen, wenn am 8. August die Olympischen Spiele mit einer perfekten Eröffnungszeremonie im architektonischen Wunderwerk des neuen Nationalstadions beginnen. Das Reich der Mitte soll sich nach dem totalitären Traum seiner Führer stattdessen als harmonische Gesellschaft präsentieren und als moderne Zivilisation an der Spitze des menschlichen Fortschritts. Natürlich soll das Weltsportfest in Peking eine politische Botschaft um den Globus tragen. Deshalb kann man nicht dümmlicher argumentieren als westliche Olympia-Funktionäre mit ihrem Mantra vom „unpolitischen“ Charakter der ganzen Veranstaltung.

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