Essay
Machtlos gegen atomaren Schmuggel

Der Atomwaffensperrvertrag ist international anerkannt und zeigt noch immer Wirkung. Allerdings hat der Vertrag über die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen keinen Biss mehr und muss dringend modernisiert sowie erweitert werden – dies findet zumindest Handelsblatt-Korrespondent Jan Dirk Herbermann .

In einem Keller im 22. Wiener Bezirk bemühen sich hochspezialisierte Techniker jeden Tag aufs Neue darum, die Welt vor einer nuklearen Katastrophe zu retten. Das bunkerartige Areal, in dem sie arbeiten, erstreckt sich über mehrere Hundert Quadratmeter. Der Boden ist aus Beton, an den Wänden hängen Kabel, Geigerzähler und Monitore.

Die Experten arbeiten im Auftrag der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA. Hier im Untergeschoss des grauen IAEA-Hauptquartiers entwickeln sie Spezialkameras, optimieren Messgeräte und grübeln darüber, wie sie in den Nuklearanlagen dieser Welt ihre Erfindungen installieren können. Die Apparate liefern Bilder direkt in die IAEA-Zentrale. So wollen die Fachleute mögliche Atombombenbauer auf frischer Tat ertappen. Die Wachsamkeit der Wiener Experten soll verhindern, dass der Planet in einen nuklearen Albtraum schlittert.

Die Menschen in dem Keller sind kleine Rädchen im fragilen Konstrukt der Nonproliferation. Das Ziel des Systems ist es, die Weiterverbreitung atomarer Waffen zu verhindern. Nur: Das Gebilde mit der IAEA und dem Atomwaffensperrvertrag als Fixpunkten steckt in einer Krise. Die IAEA hat 50 Jahre auf dem Buckel. Der Sperrvertrag, der mit 190 Mitgliedern fast universelle Gültigkeit besitzt, ist 37 Jahre alt. Aber: Die längst überfällige Modernisierung der beiden ist nicht in Sicht. Die Proliferation ist deshalb kaum noch einzudämmen. Es scheint, als habe die Welt Warnungen wie die des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy vergessen. Der sagte über nukleare Sprengsätze: „Diese Kriegswaffen müssen vernichtet werden, bevor sie uns vernichten.“

Dass die Zusammenarbeit mit der IAEA und massiver Druck des Sicherheitsrates sich trotz aller unleugbaren Schwächen auch heute noch als wirksam erweisen können, zeigt der Fall Irak. Die USA starteten 2003 die Invasion mit der offiziellen Begründung, die Massenvernichtungswaffen des Diktators Saddam unschädlich machen zu wollen. Die IAEA hatte aber bereits vor dem Angriff festgestellt: Unter dem massiven Druck des Uno-Sicherheitsrates hat der Irak sein Nuklearprogramm aufgegeben. Selbst US-Inspekteure fanden nach dem Einmarsch keine Atomwaffen oder Bauteile dafür im Irak. Je mehr Staaten oder Gruppen sich den Kontrollen aber entziehen und dann die Hand am atomaren Abzug haben, desto größer ist zwangsläufig die Gefahr, dass jemand irgendwann diese Waffen einsetzt.

Vor allem die Vereinigten Staaten sollten sich stärker im Kampf gegen die Weiterverbreitung engagieren. Die Amerikaner haben eine doppelte Verantwortung. Als einzige Nation haben sie schon einmal Atombomben im Kampf eingesetzt: 1945 zerstörten sie die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Noch heute leiden Menschen an den Spätfolgen. Gleichzeitig stehen die Amerikaner als globale Ordnungsmacht und als führende offizielle Atommacht in der Pflicht.

Warum ist die Bombe so verlockend? Schon allein mit dem vermuteten Besitz der Megawaffe können Staaten ihre Feinde wirksam abschrecken, sie können drohen und erpressen. Kurz: Wer die Bombe hat, hat Macht. Und diejenigen, die nach der Bombe greifen, glauben, mit der Waffe ihr eigenes Prestige zu erhöhen – zu Hause und im Ausland. Nur ein Staat hat je zugegeben, nukleare Waffen gebaut zu haben und hat sie dann freiwillig abgeschafft: Südafrika zu Beginn der neunziger Jahre.

Seite 1:

Machtlos gegen atomaren Schmuggel

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%