Essay zu Griechenland: Das System frisst die Menschen

Essay zu Griechenland
Das System frisst die Menschen

Die EU macht gegenüber Griechenland den Putin: Es zählt nur das Recht des Stärkeren. EU-weit wird das Krisenland zum Feind gemacht. Das hat fatale Folgen für Europa und die Demokratie, glaubt Gastautorin Gertrud Höhler.
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Das Prinzip Einheitspartei entfaltet seine Vorteile: Die kontroverseste Entscheidung des deutschen Parlaments wurde mit der größten je gesehenen Mehrheit getroffen. Das Motiv: Den Feind in Fesseln legen. Der Feind heißt Griechenland.

Die Einsamkeit der Ausreißer aus diesem „Solidaritäts“-Rausch aller Parteien droht tödlich zu werden. Bedrohlich finden wir solche Machtverhältnisse zwar in autokratischen Systemen. In Deutschland genießen wir arglos, dass der demokratische Disput entschlummert.

Die nie gesehene Mehrheit im Bundestag galt einem Salto Mortale der Symbolpolitik: Vier Monate für Griechenland. Vier Monate, um den Störenfried der EU-Illusionspolitik zum Pausenclown herabzustufen. Im Namen der „Solidarität“ wird, endlich, wie viele EU-Strategen meinen, ein Feind der EU definiert, der Einigkeit zur Pflicht macht. Schwieriges Projekt, aber das Sprechen mit gespaltener Zunge beherrschen die Topstrategen der EU schon länger. Wer als Nichtentscheider mitmacht, wird belohnt.

Jeder Biertisch liefert jetzt den Feldherrenblick, der früher den Mächtigen vorbehalten war. In satten Mehrheiten geborgen, schwadronieren wir online und offline über Weltpolitik. Endlich wieder reale Feinde da draußen, die uns richtig friedfertig ausschauen lassen.

Genau das passende Set für die interne EU-Jagd auf einen, der uns die Butter vom Brot nimmt: Griechenland.

Wie viele Menschen wie du und ich dort ohne Butter und ohne Brot leben, ohne Arbeit und ohne Ausbildung, jung und kaltgestellt, das kann die Bürger am Feldherrenhügel so wenig beeindrucken wie ihre politischen EU-Feldherren. Das Straflager Griechenland wird nicht aufgelöst. Es ist ein Protektorat, die Bürger sind in Schutzhaft der EU. Die Demokratie macht Generalpause.

Jetzt Jungsein in Griechenland, jetzt dort als Unternehmer scheitern, als Notfall keine medizinische Soforthilfe finden: Im Auge der EU-Strategen Kollateralschäden, wie sie jeder Krieg verursacht. Immerhin wird nebenan in Osteuropa real gestorben. In Griechenland nur existenziell.

Und wer die Bürger im Mehrheitsgatter hält, als Follower einer übermächtigen EU-Illusion, der erreicht das Unwahrscheinliche: den Wegfall der natürlichen Empathie. „Solidarität“ mit den Bürgern, die Opfer zweier gescheiterter Systeme sind, der griechischen und der EU-Politik, kommt in Deutschland schon deshalb nicht infrage, weil „Solidarität“ mit dem Finanzminister das Gebot der Stunde ist.

Kommentare zu " Essay zu Griechenland: Das System frisst die Menschen"

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  • Frau Höhler - Sie liegt zum Thema Griechenland absolut richtig. Bin mal gespannt, ob die "Institutionen" eines Tages mit Frankreich ähnlich umgehen würden.


  • Höhlers Bewertung zum autokratischen EU System etc erschreckt mehr als die kriminelle Verschuldung eines gescheiterten Euro Staates.

    System Merkel / Juncker wird uns mglw in die Knie zwingen...

    Die Frau hat recht...

  • Hängen wir alle am Tropf eines privaten Geldmonopols?

    Der Wirtschaftsweise Lars Feld erwartet ein 3. "Hilfspaket" für Athen.
    In einem Interview mit "Bild" (26.02.14) erklärte Feld: "Griechenland benötigt allein von Juli bis Oktober mehr als 10 Milliarden Euro. Da das Land an den Kapitalmärkten keine Kredite bekommt, führt an einem 3. Hilfspaket kein Weg vorbei."

    Die griechische Regierung benötigt dieses "Hilfspaket" von mehr als 10 Milliarden Euro um weiter ihre Zinsen an die Gläubiger (internationale Bankster) zahlen zu können!

    Schäuble die Bankstermarionette hat nie den Euro oder die Menschen in Griechenland gerettet!

    Gerettet (mit unseren Steuern) werden nur die reichen Gläubiger der Staaten, internationale Bankster und die Finanzeliten, auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger. (Steuer- bzw. Zinssklaven)

    Die eigentliche Ursache der Krise wird in den Lügenmedien nie debattiert.
    Die Anpassung an das Schuldgeldsystem der Bankenmafia, wird als "alternativlos" hingestellt.

    Die wenigen Damen und Herren der Welt, die sich als "Master of Univers" verstehen, kennen nur die öffentliche Verschuldung, verdammen Griechenland und diktieren den Gesellschaften ein kaltes Einspar- und Kürzungsprogramm, das die betroffenen Menschen demütigt und hoffnungslos macht. Zum Kern wollen sie nicht vorstoßen.

    Was wir brauchen, ist eine Bewegung, die gegen die Uninformiertheit der Bürger und gegen das Schuldgeldsystem bzw. Geldmonopol der Bankenmafia ankämpft.
    Gegen die Entleerung der Demokratie durch die globalen Bankster und ihre Konzerne für mehr soziale Demokratie und eine starke Zivilgesellschaft.

    Warum erfahren wir in den Lügenmedien nichts über das Geldmonopol bzw. Schuldgeldsystem der Bankenmafia?

    Da sollte man sich mal die Frage stellen, wem gehören eigentlich die Medien AGs?

    Jeder der das nicht versteht, sollte im Internet nach "Schuldgeldsystem", "Prof. Bernd Senf - Tiefere Ursachen der Krise" oder "Goldschmied Fabian" suchen.

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