Estland
Rote-Armee-Denkmal: Erneut Unruhen

In Estland ist es im Streit um das Denkmal der Roten Armee die zweite Nacht in Folge zu schweren Ausschreitungen gekommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nun an den estnischen Ministerpräsidenten Andrus Ansip sowie den russischen Präsidenten Wladimir Putin appelliert, jegliche Eskalation zu vermeiden.

HB TALLINN. Fast 100 Menschen seien in der vergangenen Nacht verletzt worden, als vorwiegend Jugendliche erneut randalierend durch das Zentrum der Hauptstadt Tallinn gezogen seien, teilte die Polizei am Samstag mit. Die Einsatzkräfte gingen mit Tränengas, Gummigeschossen und Wasserwerfern gegen die Krawallmacher vor, etwa 600 junge Menschen wurden den Angaben nach festgenommen. Die Randalierer beschädigten etwa 50 Geschäfte, halb so viel wie in der Nacht davor.

Auch vor der estnischen Botschaft und dem Konsulat in Moskau kam es zu Aufruhr. Dort demonstrierten dutzende Jugendliche der Pro-Kreml-Bewegung, zum Teil in Uniformen der Roten Armee gekleidet. Die Nachrichtenagentur RIA-Nowosti zitierte einen Botschaftssprecher mit den Worten, das Konsulat habe die Arbeit aus Sicherheitsgründen vorübergehend eingestellt. Der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow forderte die Einwohner der Stadt auf, estnische Produkte zu boykottieren. Agenturberichten zufolge haben erste Supermarktketten estnische Waren bereits aus den Regalen geräumt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief beide Länder zur Besonnenheit auf. Die Kanzlerin und amtierende EU-Ratsvorsitzende habe in Telefonaten mit dem estnischen Ministerpräsidenten Andrus Ansip sowie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin an beide appelliert, jegliche Eskalation zu vermeiden, teilte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm mit. Sie habe vorgeschlagen, dass die zwei Länder direkt Kontakt aufnehmen.

Entzündet hat sich die Gewalt an den Querelen um das Rote-Armee-Denkmal, das an die gefallenen russischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg erinnert. Viele Esten erinnert das Denkmal an die Besetzung durch die Sowjetunion, die bis heute nachwirkt und das Verhältnis zu Russland belastet. Die Regierung hat das Denkmal inzwischen von seinem ursprünglichen Standort, einem Park in der Stadtmitte, entfernt und will es auf einem Friedhof wieder aufbauen.

Die russische Minderheit in Estland hat gegen den Abbau des etwa zwei Meter großen Soldaten protestiert, genauso wie die russische Regierung. Diese kritisierte den Schritt scharf und sprach von einer Entehrung der Soldaten, die gegen den Faschismus gekämpft hätten. Außenminister Sergej Lawrow drohte dem Nachbarland mit 1,3 Millionen Einwohnern Konsequenzen an. Am Samstag erklärte sein Ministerium, es hoffe auf eine angemessene internationale Reaktion auf die Vorgehensweise Estlands. In einer Mitteilung hieß es zudem, zahlreiche Zivilisten hätten unter dem Vorgehen der estnischen Behörden gegen die Demonstranten gelitten.

Bei den Krawallen war am Donnerstag ein Mann erstochen worden. Dem russischen Außenministerium zufolge war das Opfer ein russischer Staatsbürger, der in Estland lebte. Das Ministerium forderte die Behörden des baltischen Landes auf, alle Informationen über den Fall zur Verfügung und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%