Ethnische Spannungen
Flucht und Vertreibung zeichnen Iraks Karte neu

Immer mehr Iraker sind auf der Flucht. Nach Angaben des irakischen Roten Halbmonds – dem islamischen Pendant des Roten Kreuzes – ist die Zahl der Flüchtlinge im vorigen Monat um über 71 Prozent gestiegen. Eine Welle der Gewalt bricht das Land in schiitische, sunnitische und kurdische Landesteile – und schürt die Angst vor ethnischen Säuberungen.

BERLIN. Allein aus der Hauptstadt Bagdad sind 170 000 Familien geflohen, insgesamt eine Million Menschen. Landesweit sollen fast zwei Millionen Iraker auf der Flucht sein, in den Nachbarländern sind weitere zwei Millionen unterwegs.

Der jetzt veröffentlichte, aus Berichten von zehntausenden Helfern zusammengestellte Bericht des Roten Halbmonds belegt, dass nicht nur immer mehr Iraker aus ihren Heimatorten fliehen, sondern immer häufiger mehrfach: Zuerst verließen sie die Orte, in denen ihr Leben unmittelbar bedroht sei, dann zögen sie zwei- oder dreimal weiter, weil sie an den neuen Orten nicht erwünscht seien oder keinerlei Arbeit fänden. Zwei Drittel der Flüchtlinge seien Frauen und Kinder unter zwölf Jahren, die zumeist keine sicheren Heimstätten gefunden hätten.

Oftmals seien die Männer zu bewaffneten Gruppen gewechselt und hätten ihre Familien allein gelassen, heißt es in dem Report. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk bestätigte, dass die Lage im Irak immer schlimmer werde, „inzwischen so verheerend wie in Darfur und für irakische Kinder sogar schlimmer als vor dem Krieg zu Zeiten des Sanktionsregimes“.

„Die Fluchtwelle hat längst Angehörige aller ethnischen Gruppen und aller sozialen Schichten erfasst“, berichtet der Arzt Said Hakki, Chef des irakischen Roten Halbmonds. „Es ist eine Tragödie.“ Auch hätten die Militäroperationen der US-Armee und sunnitischer Gruppen gegen El- Kaida-Terroristen dazu geführt, dass die Flüchtlingsströme wieder zunähmen. Zudem habe die Bewaffnung sunnitischer Gruppen gegen El Kaida-Terrortrupps durch die US-Armee zwar in Teilen des Landes, wie der Anbar-Provinz im Westen, etwas Ruhe gebracht. Doch hätten die Schiiten immer mehr Angst, dass diese Milizen die ethnischen Säuberungen vorantrieben. Die Polizei böte keinen Schutz, da sie weitgehend von sektiererischen Milizen unterwandert sei.

Zwar könnten weiterhin auch Sunniten in Schiitengebiete fliehen oder umgekehrt und viele Flüchtlinge müssten wegen der verschärften Visabedingungen aus Syrien und Jordanien zurückkehren. Doch in ihrer alten Heimat fänden sie ihre Häuser oft geplündert wieder und müssten gleich weiterziehen. Hinzu komme, dass die alten Wohnungen in heute ethnisch „gesäuberten“ Provinzen lägen: Es gäbe kaum noch religiös und ethnisch gemischte Gebiete, hatte die US-Geheimdienste im August festgestellt. Aus ganzen Regionen seien vor der nun begonnenen „zweiten Flüchtlingswelle“ die Minderheiten vertrieben worden. Deshalb seien Schiiten aus Bagdad und dem Zentralirak hauptsächlich in den Süden geflüchtet, Sunniten nach West- und Zentralirak und beide arabischen Gruppen aus Kurdistan in ihre Haupt-Stammesgebiete.

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