EU-Arzneimittelagentur
Das wird der teuerste Umzug des Brexit

Im Zuge des Brexit könnte die EU-Arzneimittelagentur aus London aufs europäische Festland ziehen müssen. Das Problem: Der Mietvertrag läuft noch bis zum Jahr 2039 – mit einer Miete von fast 350 Millionen Euro.
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BrüsselDer Umzug der EU-Arzneimittelagentur aus London könnte teuer werden. Der Mietvertrag der EU-Behörde, die in der Folge des Brexits voraussichtlich Großbritannien verlassen wird, läuft einem Dokument des Europäischen Parlaments zufolge bis zum Jahr 2039.

Bis dahin sei noch eine Miete von insgesamt 347,6 Millionen Euro fällig und der Vertrag enthalte keine Ausstiegsklausel. Das hätten die Mitglieder des Haushaltskontrollausschusses mit Sorge festgestellt, heißt es in einer Zusammenfassung ihres Prüfberichts.

Die Arzneimittelagentur mit mehr als 800 Beschäftigten und einem Jahresbudget von über 300 Millionen Euro bereitet sich dem Ausschuss zufolge bereits auf den Umzug vor. Nach Medienberichten haben verschiedene EU-Staaten schon ihr Interesse bekundet, die EU-Behörde bei sich anzusiedeln. Sie ist für die Zulassung neuer Medikamente zuständig. Der Haushaltskontrollausschuss des Parlaments forderte die Behörde auf, ihm weitere Entwicklungen bezüglich des Mietvertrags in London mitzuteilen. Mit der Europäischen Bankenaufsicht ist eine weitere EU-Behörde in der britischen Hauptstadt untergebracht. Die finanziellen Folgen des Brexits dürften eine zentrale Rolle in den bevorstehenden Verhandlungen der EU mit der Regierung in London spielen.

Ein Umzug der EU-Arzneimittelagentur wird in der britischen Pharmabranche mit Besorgnis gesehen. „Extrem wichtig“ sei die Behörde, erklärt die Mitarbeiterin eines großen Pharmaunternehmens auf einer Branchenkonferenz. Schließlich stünden Unternehmen und die Agentur bei der Entwicklung im ständigen Kontakt – lange bevor die Behörde letztlich entscheide, ob ein Medikament oder Produkt auf den Markt kommen kann. Daher sei es vor allem für kleine, forschende Pharmaunternehmen ein Nachteil, wenn man sich nach einem Brexit nicht mehr an die Behörde wenden könne.

Schert Großbritannien aus dem europäischen Binnenmarkt aus, bräuchte das Land in Zukunft ein eigenes Regulierungssystem. Als Folge davon müssten Unternehmen ihre Medikamente in beiden Märkten zulassen, was den Aufwand erhöhen und die Bearbeitungszeiten verlängern würde. Und das kann dazu führen, dass Produkte nicht oder erst später auf den britischen Markt kommen.

Der britische Pharmamarkt ist nur knapp halb so groß wie der deutsche und sein Umsatzanteil an den zehn größten Weltmärkten beträgt lediglich 3,5 Prozent, wie die Experten von KPMG ausgerechnet haben. „Wenn ein Unternehmen entscheiden muss, wo es sein neues Produkt anmeldet, wird man natürlich auch überlegen, was für ein Markt für das Produkt dahinter steht“, drückt es Virginia Acha aus, Brexit-Expertin der Association of the British Pharmaceutical Industry (ABPI). Sie fürchtet, dass der Brexit auf jeden Fall Nachteile für ihre Branche hat. Bereits allein der Umzug der Agentur an sich werde die Arbeitsabläufe verzögern, erklärt sie.

Noch ist nicht entschieden, ob die Arzneimittelbehörde tatsächlich aus London wegziehen muss. „Das wird Thema in den Verhandlungen mit der EU sein und die Verhandlungen haben noch nicht begonnen“, versucht Wirtschaftsminister Greg Clark auf der Konferenz der ABPI das Publikum zu beruhigen. „Ich hätte es gern, wenn die EU-Arzneimittelagentur hier bleibt“, gibt er dann auf Nachfrage zu. Das hätte auch die britische Pharmabranche gern – große Hoffnung macht man sich aber nicht.

Korrespondentin des Handelsblatts.
Kerstin Leitel
Handelsblatt / Korrespondentin
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • 20.000 Euro Miete pro Jahr und Mitarbeiter, sind wir noch ganz bei Trost? Es gibt genügend europäische Großstädte in denen können Sie das zu einem Zwanzigstel des Preises erledigen. Es muss ja nicht gerade das repräsentative Büro auf der Kö sein.

    Überhaupt werde ich nicht verstehen, warum Botschaften, Konsulate, öffentliche Einrichtung insgesamt sich häufig an den besten Stellen der Städte einmieten. Privatunternehmen, die repräsentieren müssen (Apple stores, etc.) dürfen gerne die astronomischen Mieten bezahlen, aber die öffentliche Hand?

    Nochmal: 20 tausend Euro pro Mitarbeiter und Jahr, nur an Mietkosten, einfach irre.

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