EU-Beitritt
Albaniens nukleare Versuchung

Im Zuge der Erweiterung der EU träumt auch Albanien von einem Eintritt in die Staatengemeinschaft. Das Land leidet jedoch unter Korruption, Chaos und Stromausfällen – Faktoren, die Investoren abschrecken und das Ziel in weite Ferne rücken lassen. Nun hat Premier Sali Berisha allerdings eine verrückte Idee: Er will ein Kernkraftwerk bauen.

TIRANA. Wäre Gjenovefa Shuka nicht so ein fröhlicher Mensch, wäre sie längst verzweifelt. Immer wieder fallen in ihrer Wohnung in Tirana, in der die Rentnerin mit ihrem Mann Milto wohnt, Strom und Wasser aus. „Dieses Jahr war es so schlimm wie nie“, erzählt die 60-Jährige. „Um zu waschen, zu duschen oder zu kochen muss ich mich nach dem Staat richten“, sagt sie. Denn verantwortlich für die Versorgungslücken sind die staatlichen Versorger.

Die Albaner behelfen sich, so gut es geht: Regelmäßig versinkt Albaniens Hauptstadt in einem Konzert ratternder Stromgeneratoren und blubbernder Wasserpumpen. Trotz der Probleme hat das Land große Pläne. Kommendes Jahr hofft Ministerpräsident Sali Berisha darauf, mit der EU ein „Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen“ abzuschließen – es wäre der erste Schritt zur ersehnten EU-Mitgliedschaft.

Bisher jedoch ist die EU wenig erbaut von den Fortschritten in Albanien. In ihrem aktuellen Fortschrittsbericht hat die EU-Kommission das Land vor zwei Wochen abgemahnt: Albanien sei nicht in der Lage, eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten. Und wer investiert schon in einem Land ohne regelmäßigen Strom?

Premierminister Sali Berisha hat eine Lösung im Kopf: Albanien soll ein Kernkraftwerk bekommen. Das solle das Land zur „Energie-Supermacht“ auf dem Balkan machen, verspricht Berisha. „Suez, General Electric und Westinghouse haben schon Interesse angemeldet“, sagt Suzana Guxholli, seine Wirtschaftsberaterin. Drei Milliarden Euro würde ein Kernkraftwerk kosten – das entspräche der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts von Albanien.

Berishas Ankündigung sorgt für Wirbel in Südosteuropa. Während Italien, das selbst keine neuen Kernkraftwerke mehr bauen will, bereits über ein Starkstromkabel unter der Adria nachdenkt, um die albanische Atomenergie zu importieren, schlagen Griechenlands Medien Alarm: Das Kernkraftwerk bedrohe Leben, Umwelt und Frieden in der Region. Anfang Dezember wird Italiens Ministerpräsident Romano Prodi in Tirana erwartet – dann sollen die Nuklear-Pläne diskutiert werden.

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