0 Bewertungen
11.04.2008 
Regulierung der Branche

EU droht Ratingagenturen

von Michael Scheerer

Der Druck der Europäischen Union auf die Ratingagenturen wächst. EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy will noch im Juni dieses Jahres Vorschläge für mehr Transparenz bei der Bonitätsbewertung vorlegen. Dies bestätigte ein Sprecher der Kommission dem Handelsblatt. Rückendeckung erhalten die Kommissare aus dem Europaparlament.

BRÜSSEL. Laut dem Sprecher der Kommission sei nicht auszuschließen, dass der Kommissar auch gesetzgeberische Vorschläge für eine Regulierung der Branche machen werde. Aus Kommissionkreisen verlautete, dass die Ratingagenturen einer unabhängigen externen Aufsicht unterworfen werden könnten. Einen ähnlichen Vorschlag hatte am Mittwoch auch Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann in seiner Funktion als Präsident des internationalen Bankenverbandes IIF gemacht.

Die Initiative aus Brüssel ist eine Reaktion auf die Rolle der Ratingagenturen beim Entstehen der gegenwärtigen Krise auf den Finanzmärkten. Den Bonitätsprüfern wird vorgeworfen, aus Rücksicht auf ihre Kunden die hohen Risiken strukturierter Finanzprodukte bei den Bewertungen ignoriert und auf den drohenden Zusammenbruch des US-Subprime-Marktes nicht frühzeitig reagiert zu haben.

Rückendeckung erhält die Kommission aus dem Europaparlament. Dort herrscht zwischen den Fraktionen Einigkeit, dass die bisherigen Vorschläge der Branche für einen freiwilligen Verhaltenskodex nicht ausreichen. Der finanzpolitische Sprecher der liberalen Fraktion im Europaparlament, Wolf Klinz, sagte, denkbar sei eine "Zwangstrennung" zwischen den Geschäftszweigen Beratung und Bewertung.

"Die EU-Kommission hat den Mut, die Entflechtung der Energiekonzerne vorzuschlagen, da sollte sie auch bei den Ratingagenturen nicht vor den nötigen Schritten zurückschrecken", so Klinz. Ähnlich äußerte sich der Brüsseler CSU-Finanzexperte Alexander Radwan. "Wenn sich herausstellt, dass die Interessenkonflikte nur mit staatlichen Regulierungsmaßnahmen zu beseitigen sind, dann muss man über eine Zwangstrennung der Geschäftsfelder nachdenken", so Radwan.

Die Ratingagenturen wollen auf die Kritik an ihrer Arbeit inzwischen zum Teil eingehen. Der Deutschland-Chef von Standard & Poor?s, Torsten Hinrichs, sagte dem Handelsblatt, er plädiere für eine Extra-Ausweisung besonders komplizierter oder neuer Finanzprodukte, deren Datenbasis unzureichend sei. Darüber werde derzeit mit den Marktteilnehmern verhandelt. Ein Alleingang von Standard & Poor?s werde es nicht geben. Hinrichs warnte gleichzeitig vor staatlicher Regulierung der Branche. Ein Eingriff in die Analyse stelle die Eigenständigkeit der Bewertung und damit den Nutzen der Ratings in Frage, so Hinrichs.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Jörg Haider: Die Ikone der Rechten

    Jörg Haider: Die Ikone der Rechten

    Eben haben sie noch ihren Wahlerfolg gefeiert, jetzt herrscht tiefe Trauer: Mit dem plötzlichen Unfalltod von Jörg Haider hat Österreichs Rechte ihre Führungsfigur verloren. Der Rechtpopulist war einer der schillerndsten und umstrittensten Politiker Europas. Das Leben ...Bildergalerie 

  • Finanzkrise: Misstrauen durchdringt all...

    Finanzkrise: Misstrauen durchdringt alle Bereiche

    Keine Frage, die Finanzkrise, die wir derzeit erleben, ist außergewöhnlich. Alle Vergleiche mit vorherigen Wirtschaftskrisen hinken. Und das Vertrauen ist zerstört, wie ein Blick auf wichtige Indikatoren des Finanzmarktes zeigt.Bildergalerie 

  • Hier versickern unsere Steuergelder

    Hier versickern unsere Steuergelder

    Ein Schwimmbad, das niemand nutzt. Gratis-Fitness für städtische Angestellte. Staatliche Tipps zum Umgang mit Wölfen ("Sie sind keine Kuscheltiere") – das neue "Schwarzbuch" des Bundes der Steuerzahler listet wieder die krassesten Fälle öffentlicher Verschwendung auf.Bildergalerie 

vor

 

 

weiterGlobal Reporting

Die Griechen rufen in der Krise nach dem Staat 

10.10.2008Global Reporting

Heute veröffentlicht die Athener Zeitung Kathimerini eine Meinungsumfrage zur Finanzkrise. Das Ergebnis: die Griechen sind besorgt, verfallen aber bisher nicht in Panik. 76 Prozent der Befragten sagen, sie seien „sehr“ oder „ziemlich beunruhigt“. Nur sechs Prozent lässt die Krise kalt. Blog


weiterMadagaskar

Amerikas nächster Finanzminister 

09.10.2008Madagaskar

Wenig beachtet wurde, dass Barack Obama und John McCain beim TV-Duell ihre Favoriten für das Amt des Finanzministers genannt haben. Doch keine Angst, weder Meg Whitmann noch Warren Buffet werden das derzeit wenig begeehrte Amt erben. Blog