EU-Gipfel
Genervt ins Endspiel

Genau genommen kam Nicolas Sarkozy erst am Freitagmorgen das erste Mal richtig ins Schwitzen. Da joggte er im Brüsseler Park Royal eine Runde nach der nächsten. Das Ganze wirkte wie eine Entspannungsübung nach der ersten, hektischen Gipfelnacht. Denn das Tauziehen um den neuen EU-Reformvertrag hatte erst einmal einen nerven zehrenden Stillstand gebracht.

BRÜSSEL. „Alles wie erwartet“, wiegelt Ungarns Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany aber am Freitag morgen ab. Dass jeder beim Auftaktabendessen erst einmal seine Maximalpositionen aufbauen würde, sei doch zu erwarten gewesen. Nur Polens Präsident Lech Kaczynski und der britische Premierminister Tony Blair sorgten für Tonstörungen. Blair hatte noch von London aus Vetodrohungen nach Brüssel vorausgeschickt. Und in der abendlichen Runde der 27 EU-Staats- und Regierungschefs herrschte betretenes Schweigen, als Kaczynski die umstrittenen Hinweis auf polnische Kriegstote in Stimmrechtsdebatte wiederholte, dadurch Geister der Vergangenheit heraufbeschwor und betonte, er wolle keine Kompromisse machen.

Prompt begann die Schwerstarbeit für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nach der Pressekonferenz der deutschen Präsidentschaft setzte sie sich kurz nach Mitternacht erst bilateral, dann mit dem litauischen Präsidenten Adamkus und später Sarkozy zusammen, um den polnischen Präsidenten zu bearbeiten. Fortschritte gab es nicht, weil Polen bei der Doppelten Mehrheit stur bleiben will. Dafür machten Meldungen die Runde, die Regierung aus Warschau habe an einem geheimen Ort in Brüssel 40 Mathematiker zusammengezogen, um alle möglichen Stimmrechts-Varianten durchzurechnen.

Bis auf die vier „Problemfälle“ (Polen, Großbritannien, Tschechien und die Niederlande) durften dann alle anderen am Freitag morgen zumindest ausschlafen. Gipfel-Chefin Merkel hatte im so genannten „Beichtstuhl-Verfahren“ bilaterale Treffen angesetzt, bevor sie dann zum Mittagessen wieder die große Runde empfing. Und als erster war wieder Kaczynski dran – wieder ohne Bewegung. Aber ohnehin sieht die Gipfeldramaturgie für den Nachmittag noch einmal die gemeinschaftliche Bearbeitung des Polen vor.

Die britischen Forderungen rückten jedenfalls in Hintergrund. Dazu hatte auch Sarkozy mit seinem abendlichen Auftritt vor der Presse beigetragen. Im Stil eines Fernsehmoderators hatte er mit dem Mikro in der Hand im Stehen und Gehen Fragen beantwortet und dabei den Optimisten gespielt. Die Forderung des britischen Premiers, der Grundrechtecharta die Rechtsverbindlichkeit zu nehme? „Lösbar“, meint der stark gestikulierende Sarkozy.

Der Streit um die Kompetenzen des EU-Außenministers? Er habe am Mittwoch 40 Minuten mit Blair telefoniert und keine „völlig blockierte" Position gefunden - „wenn ich mich nicht täusche" fügt Sarkozy listig hinzu. Denn ob den 27 Staats- und Regierungschefs am Ende der Durchbruch gelingt, wagen weder er noch später der Ungar zu prognostizieren. „Es bewegt sich", sagt Sarkozy. „Reicht es?" stellt er selbst die entscheidende Frage. „Für den Moment jedenfalls nicht". Immerhin: Am Freitagmorgen ließen die Polen erstmals erkennen, dass sie überhaupt bereit sind, das Prinzip der doppelten Mehrheit zu akzeptieren - wenn auch erst 2020.

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