EU-Gipfel
Merkels Suche nach dem rechten Weg

Sie war die Heiligendammer Johanna des Klimaschutzes. Nun wird Kanzlerin Angela Merkel von anderen getrieben: In der Heimat und im Ausland. Auf dem EU-Gipfel bekommt sie das zu spüren.

BRÜSSEL. Als sie im EU-Ratsgebäude an der Rue de la Loi in Brüssel ankommt, lässt sie sich nichts anmerken. Hier ein Händeschütteln und ein Lächeln, dort ein Küsschen. Gastgeber Nicolas Sarkozy kommt mit ausgebreiteten Armen strahlend auf sie zu. "Ah, Angela", sagt er in fast höfischer Manier.

Kann man dem Augenschein trauen? Ist Merkel nicht seit Wochen in französischen und amerikanischen Medien "Madame No", die "Bremserin", die "Zaudernde"? "Where's Merkel?" fragt der britische "Economist". Deutschland habe den Führungssitz in der EU aufgegeben, spottet die "Herald Tribune" noch an diesem Morgen. Glaubt man den internationalen Medien, dann stehen die Zeichen an diesem Tag auf Aufstand gegen die Kanzlerin, gegen Deutschland, das in der Krise abwartet, während die anderen mit großen Konjunkturprogrammen vorpreschen.

Merkel aber lässt sich nichts anmerken. Sie steht fröhlich plaudernd im Kreise ihrer 26 EU-Kollegen. Kurz zuvor hat sie sich noch mit dem französischen Ratspräsidenten und dessen tschechischen Nachfolger abgestimmt. War was?

Am Tag darauf, dem heutigen Freitag, sollen alle gut gelaunt vor die Presse treten und sowohl eine Einigung beim Klimapaket verkünden als auch ein entschlossenes Europa im Kampf gegen die Rezession präsentieren. Das ist der Plan. "Und dann", heißt es aus dem Kanzleramt, "wird die Debatte einfach verpuffen." Deutschland isoliert? Eine Medienerfindung. Sicher doch, erfolgreich, draußen in Europa seien nun mal viele, deren Interessen sich nicht mit den deutschen deckten. "Aber", blafft ein enger Mitarbeiter Merkels, "vielleicht wird die Kanzlerin ihre Kollegen in Brüssel ja fragen: ,Wer außer mir ist denn eigentlich mit einem geschnürtem Konjunkturpaket angereist?'" Damit Merkels Stab die Abwehrarbeit nicht alleine verrichten muss, giftet Finanzminister Peer Steinbrück zum Gipfelauftakt gegen die Mehrwertsteuerpläne des britischen Premierministers Brown.

In der französischen und britischen EU-Delegation mosert man dagegen unbeirrt, es fehle Führungsstärke in Berlin.

Merkel reagiert. Als sie in der belgischen Akademie Royale zum Treffen der konservativen Regierungschefs eintrifft, steuert sie erst mal vor die Kameras. Klarer als bisher betont sie, dass Deutschland mehr bieten wird als das bisher beschlossene Konjunkturpaket - nur eben nicht gleich, sondern erst wenn klar ist, was der neue US-Präsident vorhat. Also frühestens Ende Januar. "Aber wir sind uns der Verantwortung als größte europäische Volkswirtschaft bewusst", sagt Merkel. Etliche EU-Regierungen verbreiten an diesem Tag Zweifel, dass das stimmt.

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