Das viele Geld aus den Firmenkassen weckt Begehrlichkeiten. Zu Jahresbeginn schlug Kroes, eine aus Rotterdam stammende Geschäftsfrau und frühere Verkehrsministerin, vor, mit den Straf-Euros zusätzliche Beamte anzuheuern. Mit mehr Personal könnten in ihrem Haus noch mehr Strafen verhängt werden, lautete ihre ebenso einfache wie einleuchtende Rechnung.
Die Initiative verhallte aber sang- und klanglos im Räderwerk der EU. In Brüssel haben die EU-Staaten ein großes Wort mitzureden. Bisher fließen die Bußgelder umgeschmälert in den EU-Haushalt und mindern so den Beitrag der Mitgliedstaaten. Die EU-Kommission darf also nicht über das Füllhorn von Frau Kroes verfügen.
Deutschland als größter Einzahler in Brüssel dürfte für das laufende Jahr dank der geschäftstüchtigen Kommissarin etwa 650 Millionen Euro an EU-Beiträgen einsparen, rechnen Spezialisten vor.
Bisher ist die Brüsseler Kartellpolitik trotz der riesigen Strafen eher eine Sache für Eingeweihte, also hochbezahlte Fachanwälte oder Unternehmensvertreter. Doch Kroes denkt weiter. Nach dem Vorbild ihrer luxemburgischen Kommissarskollegin Viviane Reding, die die Kosten für Handy-Auslandsgespräche drückte, will sie direkt etwas für den Verbraucher tun. Und da bietet sich die Energiebranche an. In Deutschland sind die Versorger Eon und RWE bereits wegen möglicher Preisabsprachen auf den Gasmärkten im Visier. Weitere Verfahren könnten folgen.

