EU-Ratspräsidentschaft
Vorreiter Estland will Europa digitalisieren

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Digitales Leben

Heute ist das Land mit seinen etwa 1,3 Millionen Einwohnern, von denen rund ein Drittel in der mittelalterlichen Hauptstadt Tallinn lebt, fast komplett online. Mehr als 95 Prozent der Bevölkerung profitieren von der schnellen LTE/4G-Mobilfunktechnologie, die den Internetzugang auch in den ländlichen Gegenden ermöglicht. Dabei ist in keinem anderen Land in Europa der Breitbandausbau so weit fortgeschritten wie in Estland. Öffentliche und kostenlose Hotspots gehören zum Alltag wie anderenorts die Straßenbeleuchtung.

Das ist auch notwendig, denn mittlerweile geht in der baltischen Republik so gut wie nichts mehr analog: Das Kabinett stimmt elektronisch ab, alle Dokumente der Regierung gibt es nur als digitale Datei. Jeder Este besitzt einen elektronischen Ausweis. Ohne ihn läuft nichts mehr, denn die Chipkarte dient gleichzeitig als Führerschein, Bahnticket oder Versicherungskarte. Die Esten können mit ihrem Ausweis bezahlen, Bankgeschäfte abwickeln oder eine digitale Unterschrift unter Dokumente setzen. Ein digitaler Staat, der sämtliche Dienstleistungen vom Grundbucheintrag bis zur Adressänderung online anbietet.

Estland war auch das erste Land der Welt, das bei den letzten Parlamentswahlen das E-Voting, die Stimmabgabe über das Internet, erlaubte. Und viele Esten zogen den Browser der Wahlkabine vor.

Seit 2015 können auch Ausländer an der digitalen Revolution teilhaben: Estland bietet eine virtuelle Staatsbürgerschaft an. Nach einer Prüfung durch Polizei und Grenzschutz erhält man für 50 Euro einen digitalen Ausweis, der das Eröffnen eines Bankkontos oder die Registrierung einer Firma zu einer Sache von wenigen Minuten macht. „Wir holen so Unternehmen digital in unser Land, in das sie sonst nicht kommen würden“, erklärt Taavi Kotka, IT-Beauftragter der Regierung.

Die digitale Revolution wurde nur wenige Jahre nach der Unabhängigkeit 1990 eingeleitet. Das Land war nach jahrzehntelanger Besatzung durch die damalige Sowjetunion heruntergewirtschaftet. Eine Infrastruktur gab es nicht – Estland startete von null. Seit 2002 erhält jeder Bürger eine Identifikationsnummer. Das schuf die analoge Grundlage für das digitale System. Andrus Ansip, EU-Kommissar für digitale Fragen, war dabei eine Schlüsselfigur. Als Regierungschef zwischen 2005 und 2014 trieb er die Digitalisierung voran.

Dass Skype in Tallinn entwickelt wurde und sein Entwicklungszentrum immer noch dort hat, verwundert kaum. Auch das Nato-Kooperationszentrum für Cyberverteidigung liegt in der estnischen Hauptstadt. Nun hofft Präsidentin Kaljulaid, dass Estlands Digitalisierung zum Modell für die EU wird.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent

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