EU-Russland-Gipfel
Wohlfühlgipfel in Russlands „Emiraten“

Russlands neuer Präsident Dmitri Medwedjew hat sich für seine ersten Verhandlungen mit der Europäischen Union viel vorgenommen. Doch der Gipfel im Herzen Russlands wichtigster Ölregion beginnt mit einem diplomatischen Lapsus.

CHANTI-MANSIJSK. Der neue Kremlherr Dmitrij Medwedjew hat freundliche einleitende Worte für die Gäste aus Brüssel gefunden und will dann an den Mann übergeben, der ihm gegenüber sitzt: Jose Manuel Barroso, Chef der EU-Kommission. Doch der ist protokollarisch gar nicht der richtige Ansprechpartner, sondern Janez Jansa, Ministerpräsident Sloweniens, das derzeit die rotierende Ratspräsidentschaft der EU inne hat. Barroso leitet still mit einem Lächeln weiter - es ist wirklich nicht einfach mit dieser Union und ihrer Struktur. Medwedjew tuschelt kurz mit seinem Außenminister Sergej Lawrow und nimmt es gelassen.

Zum Auftakt des Treffens, auf dem der Startschuss für die Verhandlungen zu einem neuen Partnerschaftsabkommen fallen soll, geben sich beide Seiten entspannt. "Medwedjew meint es sehr ernst damit, enger mit der Europäischen Union zu kooperieren", sagt EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner. Ein gemeinsames Abendessen Medwedjews mit Barroso und Jansa, sei ein sehr gutes gegenseitiges Kennenlernen und "Abtasten" gewesen.

Der neue Präsident sei "ein angenehmer Mann, mit Sinn für Ästhetik und Humor", sagt ein hoher EU-Beamter. Der neue Präsident wolle den Beziehungen zur EU eine eigene Handschrift verpassen. Das mache Hoffnung, denn Vorgänger Wladimir Putin - heute Russlands Regierungschef - war ein Meister darin, spezielle Männerfreundschaften zu den Staatschefs der großen EU-Länder aufzubauen und den Rest gegeneinander auszuspielen.

Der Weg zu einem neuen Partnerschaftsabkommen wird dennoch kein einfacher: Für die EU stellt die WTO-Mitgliedschaft Russlands die zentrale Grundlage für einen neuen Vertrag dar. Doch obwohl Russland nur noch wenige offene Punkte mit den Mitgliedern der Welthandelsorganisation hat - die verbleibenden werden nicht einfach aus der Welt zu schaffen sein. So hängt die Zustimmung der EU zum Beitritt vor allem von einer Einigung im Streit um russische Exportzölle auf Holz ab: Russland will seine marode und zum Teil mafiöse Holzverarbeitende Industrie aufbauen und trifft damit vor allem Finnland und Schweden.

Dort drohen nach Aussage von EU-Handelskommissar Peter Mandelson massive Einschnitte für die Unternehmen und Massenentlassungen. Bevor sich Moskau nicht bei den Zöllen bewege, könne die EU auch nicht ihren Einfluss auf Georgien geltend machen, das sich vor allem wegen Russlands Unterstützung für die abtrünnige georgische Provinz Abchasien gegen einen WTO-Beitritt des großen Nachbarn stellt.

Neben dem Handel wird es in den Gesprächen vor allem um Energie gehen: Den Ort für den Gipfel hätte der Kreml kaum besser wählen können. In Chanti-Mansijsk kann Russland die glänzende Seite seines Rohstoffreichtums präsentieren: Schicke Apartmenthäuser säumen die sauberen Straßen, über der Stadt mit ihren 68 000 Einwohnern thront eine neue Kirche in Gold und Marmor, die Region hat eine der höchsten Geburtenrate im Land. Und kein anderer als Stararchitekt Sir Norman Foster will hier ein futuristisches Geschäftszentrum in den sibirischen Sumpf stellen, die Baugrube ist schon ausgehoben.

"Als wir im vergangenen Jahr die Stadt auswählten, hatten wir keine Ahnung, wie brisant das Thema Energie noch werden würde", sagt Medwedjew zum Auftakt der Gespräche. Heute erreicht der Ölpreis wieder eine neue Rekordmarke von über 140 Dollar für das Fass. Aus der westsibirischen Region um Chantij-Mansijsk stammen knapp 40 Prozent aller Ölexporte des Landes, die Steuerüberweisungen der Region in Westsibirien machen 15 Prozent des russischen Staatshaushalts aus. Chanti-Mansijk ist das Symbol des russischen Rohstoffaufschwungs geworden, nicht ohne Grund heißt die Region im Volksmund "die Emirate".

Die EU deckt rund 44 Prozent ihres Erdgas- und 27 Prozent des Rohölverbrauchs aus Russland. In den kommenden 20 Jahren dürfte vor allem beim Gas die Menge weiter steigen. Brüssel drängt deshalb für ein großes "Geschäft auf Gegenseitigkeit". Wenn Moskau die Versorgungssicherheit garantiere, werde die EU im Gegenzug Sicherheit bei der Energienachfrage bieten. Außerdem könnten sich beide Seiten reziprok für Investitionen öffnen und den kostenlosen Transit von Gas und Öl durch die jeweiligen Netze garantieren. Damit ließe sich zum Beispiel die Energieversorgung aus Zentralasien nach Europa sichern. Russland will die Gespräche schnell abschließen - und nicht zu sehr in Details einsteigen. Ob sich dies umsetzen lässt, gilt keinesfalls als sicher. Immerhin: Die Atmosphäre für die Verhandlungen unter Medwedjew gibt Hoffnung.

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