EU-Sorgenkind

Spanien denkt über neuen Hilfsantrag nach

Jetzt also doch: Bisher hatte Spanien immer kategorisch ausgeschlossen, Hilfsgelder der EU zu beantragen. Heute die Wende. Ministerpräsident Rajoy will ein solches Gesuch nicht mehr grundsätzlich ausschließen.
Update: 03.08.2012 - 16:04 Uhr 37 Kommentare
Mariano Rajoy will ein Gesuch nach EU-Hilfen nicht mehr ausschließen. Quelle: Reuters

Mariano Rajoy will ein Gesuch nach EU-Hilfen nicht mehr ausschließen.

(Foto: Reuters)

MadridDerzeit scheint in Spanien alles schief zu gehen. Zuerst stürzt König Juan Carlos über eine Treppenstufe. Wenig später fällt die ultragroße Landesflagge auf der Madrider Plaza de Colón wegen eines gerissenen Seils von einem 50 Meter hohen Mast herab auf die Erde. Und dann macht die Europäische Zentralbank (EZB) die Hoffnung der Spanier auf eine baldige Linderung der Finanzkrise zunichte.

Dabei hatten die Spanier damit gerechnet, dass die EZB massiv spanische Staatsanleihen erwerben und damit den unerträglichen Zinsdruck verringern würde, der auf den spanischen Staatsfinanzen lastet. Aber Mario Draghi machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der EZB-Präsident knüpfte einen Ankauf von spanischen Staatsanleihen an die Bedingung, dass die Regierung einen Hilfeantrag beim EU-Rettungsfonds stellt. Genau dies aber will Ministerpräsident Mariano Rajoy verhindern.

Doch grundsätzlich ausschließen will er diesen entscheidenden Schritt nicht mehr: „Ich habe noch keine Entscheidung getroffen“, sagte Rajoy am Freitag. Madrid wolle aber zuerst wissen, wie eine mögliche Intervention der EZB aussehen werde, so der spanische Ministerpräsident.

„Draghi gibt Deutschland nach und versenkt Spanien“, titelte die Zeitung „El Mundo“ am Freitag. Das Wirtschaftsblatt „Expansión“ schrieb: „Die EZB verpasst Spanien eine kalte Dusche und lässt das Land in der Gefahrenzone schmoren.“ Madrid kann nun nicht mehr darauf hoffen, dass die EZB in der Finanzkrise als Feuerwehr für das Land einspringen wird. Die Rendite für Madrider Zehn-Jahres-Anleihen bewegen sich in einer Größenordnung von fast sieben Prozent, was auf die Dauer als nicht finanzierbar gilt.

"Spanien muss mehr leisten!"

Wie lange wird die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone dem Druck der Märkte standhalten? Bis September muss der spanische Staat sich kein frisches Geld auf den Anleihemärkten beschaffen. Aber danach könnte es ernst werden. Vor dem Jahresende muss der Staat Anleihen über etwa 30 Milliarden Euro aufnehmen. Viele Experten halten es für praktisch unvermeidbar, dass Madrid, das bereits die EU um Hilfen bei der Rettung von Banken gebeten hatte, im Herbst ein neues Hilfegesuch stellen muss.

„Das wäre dann die Light-Version einer Rettung und nicht eine umfassende Rettung wie im Fall von Griechenland, Irland oder Portugal“, betont „Expansión“. Der Unterschied läge darin, dass Spanien keine direkten Finanzhilfen, sondern nur den Erwerb von Staatsanleihen bei den Rettungsfonds beantragen würde. Allerdings hätte ein solches Gesuch zur Folge, dass Madrid eine Reihe ökonomischer Bedingungen zu erfüllen hätte. „Diese Auflagen könnten auch einen Verlust von Souveränität im Bereich der Wirtschaftspolitik bedeuten“, betonte die Zeitung „El País“.

Die Entscheidung der EZB löste in Spanien teils Empörung und teils Resignation aus. „Man hat Spanien und Italien einen Tritt in den Hintern versetzt“, protestierte der sozialistische Oppositionsführer Alfredo Pérez Rubalcaba. „Die allmächtige Bundesbank hat sich in der EZB durchgesetzt und Draghi die Flügel gestutzt“, kommentierte die Zeitung „La Vanguardia“. „Sie hat gezeigt, dass Deutschland in der EZB den Ton angibt.“

Mehrere Experten plädierten dafür, dass Spanien sich seinem Schicksal fügen und das von Draghi erwähnte Hilfegesuch stellen sollte. „Die Bedingungen, die man uns Spaniern auferlegen wird, dürften sich kaum von dem unterscheiden, was wir ohnehin tun“, meinte der Vermögensverwalter José Ramón Iturriaga. Rajoy hatte bislang ein zweites Hilfegesuch stets ausgeschlossen. Nun hält er sich bedeckt, er habe noch keine Entscheidung getroffen.

  • dpa
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37 Kommentare zu "EU-Sorgenkind: Spanien schließt neuen Antrag auf EU-Hilfen nicht aus"

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  • Ein völlig GROTESKES SCHAUSPIEL was unsere Politkriminellen hier abliefern.

    Eine ORGIE des WAHNSINNS, so scheint es. Nur in Wahrheit ist alles wohl durchdacht. Ordnung aus dem Chaos. Die EUdSSR kommt. Und DU wirst Schuldsklave sein.

  • danke, du sprichst mir aus der Seele !

  • "In Anbetracht der jetzt schon günstigeren Fiskal- und Wirtschaftsdaten in der Eurozone im Vergleich zu USA und Großbritannien kann es für Europa eine goldene Zukunft geben, wenn die Beteiligten die Nerven behalten."

    So siehts aus.
    Die Aussage Spaniens ist Strategie an die Adresse der Anleihenmärkte. Nach der klaren Ansage der EZB hätte mir das auch einfallen können. Ich erkläre meiner Bank auch das ich mir woanders mein Geld hole, wenn es zu teuer werden sollte.

  • Objektiv besteht keine dringende Notwendigkeit für weitere Hilfsmaßnahmen für Spanien.

    Nach Berechnungen des IWF sind die Zinssätze für spanische Staatsanleihem im Moment etwa 2,5% zu hoch.

    Im Restjahr 2012 stehen noch etwa 50 Milliarden zur Refinanzierung bzw. Defizitfinanzierung für Spanien aus.

    Die jährliche zusätzliche Zinsbelastung, die sich aus dem derzeitigen Zinsniveau ergibt würde über die Laufzeit der zu begebenden Papiere also etwa 1,25 Milliarden Euro pro Jahr betragen.

    Bei einem Defizit von 91,4 Milliarden letztes Jahr und (von mir auf der Basis des 1. Halbjahrs) geschätzten 80 Milliarden dieses Jahr sind diese 1,25 Milliarden nun wirklich kein entscheidender Faktor.

    Spanien hat also bis Ende des Jahres Zeit, sein 65 Milliarden Sparprogramm in Parlament zu verabschieden und zu implementieren, und mit weiteren Ausgabenkürzungen und vor allem Strukturreformen seine Lage zu verbessern.

    Sollten die Anleihemärkte das dann nicht angemessen honorieren, oder gar zwischenzeitlich verrückt spielen, dann wäre auch ein Eingreifen der EZB in ihrem Mandat.

    -----------

    Solange die Südländer sich vernünftig verhalten und ihr fiskalisches Gebahren verbessern, besteht kein Grund für Europa sich von der angloamerikanischen Finanzmafia auseinanderdividieren zu lassen.

    Von der griechischen Kleptokratie kann man das allerdings nicht erwarten - da geht nur noch 'ab mit Schaden'.

    In Anbetracht der jetzt schon günstigeren Fiskal- und Wirtschaftsdaten in der Eurozone im Vergleich zu USA und Großbritannien kann es für Europa eine goldene Zukunft geben, wenn die Beteiligten die Nerven behalten.

  • Ist Merkel da , applaudiert die ganze Welt . Ist Merkel nicht mehr da , freut sich die ganze Welt . Wir wollen uns nicht wieder schämen das wir deutsche in der Welt .

  • Als Tierschützer,hab ich mit den Menschen in Spanien und im gesamten Süden kein Mitleid,
    ebenso wie sie kein Erbarmen mit Tieren kennen..
    Es ist Tradition in Spanien, untaugliche Galgos, Windhunde, die zur Jagd gebraucht werden, zu erhängen (...)

    Als zusätzliche Strafe für ihr Versagen oder als zynische „Chance“ sich zu befreien???
    (...)
    Keine Kohle für Spanier und Griechen,die sich am Leid
    der Tiere ergötzen.Ich war dort jeweils einmal und nie wieder (...)
    Jetzt stehn sie da und jammern..und um was..um Kohle.
    Hotel Mama war doch jahrzehnte einfach zu schön..
    Dreistellige Milliarden abkassiert für Strukturhilfe.
    Niemand bekam so dermaßen viel wie Griechenland und Spanien seit den 70er Jahren.++ Beitrag von der Redaktion editiert +++




  • Spanien macht es genau wie Griechenland, peu à peu die Staatspleite eingestehen, dann folgt Italien ...nein, dann ist Europa bereits vollends gescheitert. Kaum zu glauben, das dies alles nur der EURO-Rettung geschuldet sein soll...für diese unsinnige Währungsunion wird am Ende die Wirtschaftsunion geschlachtet. Alle die für diesen Weg der totalen Wertevernichtung die Verantwortung tragen, gehören ins Gefängnis...das wiegt viel schwerer als die Misswirtschaften so mancher Fondsmanager, wo nur betroffene Anleger ihr Geld verlieren. Hier werden ganze Volkswirtschaften sehenden Auges vernichtet und ganze Völker verlieren ihre Existenzgrundlagen.

  • "genau:umgekehrt" schreibt:

    "
    hey, jetzt aber halblang! Wer kauft denn hier wen auf? Ich traue mir schon zu behaupten, dass mehr Griechen in D investieren als umgekehrt - als Beispiel."

    => Weil ein paar Griechen in Deutschland Immobilien kaufen??? In Griechenland geht es darum dass im ersten Schritt komplette Verkehrs- und Versorgungsbetriebe und -netze verkauft werden sollen.

    Vergleichen Sie das Häuschen Ihrer Oma auch mit dem RWE-Konzern?

  • Bietchekooppen schreibt:

    "Wenn jemand leidet, dann die USA und nicht irgendein europäisches Land.
    Vielleicht spendet Russland und die Ukraine ja mal ein wenig Weizen, was in den USA ja wegen der Dürre auch gerade wegbleibt."

    => Deutsche Medien haben eindeutig die Anweisung, nicht so über das Elend in Griechenland und Spanien zu berichten, dass in der deutschen Bevölkerung Mitleid aufkommen könnte. Als vor ein oder zwei Wochen ein Bericht über das Elend in Griechenland - ich meine, in der ZEIT - veröffentlicht war, wurde er sehr schnell wieder gelöscht. Über Google war nur noch erreichbar: "Seite nicht gefunden!"

    Dafür gibt es nicht gerade wenige Medien, die das Bild vom faulen, gierigen und auf deutsche Kosten schmarotzenden Südeuropäer an die Wand malen.

    Es erinnert schon sehr daran, wie die vereinigte deutsche Medienmacht seinerzeit die Volksstimmung pro Hartz IV aufheizte.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

    http://belljangler.wordpress.com/zeugungsverweigerung-als-mittel-des-widerstandes/

  • Spanien ist total überschuldet !

    1800 Bruttoauslandsschulden, 1000 Mrd. Nettoauslandsschulden, 408 Mrd. Target 2 Saldo minus, rückläufige Industrieproduktion,eine negative Leistungsbilanz, rückläufige Einzelhandelsumsätze, rückläufige Reallöhne, eine marode Bankenlandschaft, eine Immobilienblase, 25 % Arbeitslosigkeit usw.

    Da findet gerade das Endspiel Euro statt. Die sind total überschuldet und werden nur noch von der EZB finanziert.

    Der Target 2 Saldo von 408 Mrd. minus zeigt eine enorme Kapitalflucht.

    Spanien gehört sofort raus dem Euro. Das wird aber nicht passieren. Die werden noch die Rettungsfonds, EZB, Nordbanken ausplündern und dann aus dem Euro aussteigen.

    Dann fällt dieses Pyramidenspiel aus Schulden zusammen.

    Das ist dann das Ende des Euros samt der EU.

    pleiti aus Österreich

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