Euro-Krise
Hollande - eine Gefahr für Europa

Der Sozialist François Hollande hat gute Chancen, Frankreichs Präsident zu werden. Sein Programm wird in der deutschen Politik mit Sorge gelesen: Er will in der Euro-Krise nicht sparen, sondern wieder umverteilen.
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Deutschland, immer wieder Deutschland – zunehmend entgeistert verfolgten Frankreichs Politikinteressierte den Fernsehauftritt ihres Präsidenten. Auf sieben Fernsehkanälen, als befände man sich in Nordkorea, wurde eine Stunde Nicolas Sarkozy gegeben, der unausgesetzt Berlins Wirtschaftspolitik als Vorbild pries.

Wie konnte er bloß glauben, ausgerechnet damit François Hollande einzuholen, den von allen Umfragen favorisierten Kandidaten der Sozialistischen Partei für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen? Schlechte Pädagogik, diese Lobrede auf den Klassenprimus.

Tags darauf griff Pierre Moscovici an, Hollandes Kampagnenchef, der Außenminister werden könnte: Der soeben beschlossene europäische Stabilitätsvertrag verfolge die Budgetdisziplin mit „Besessenheit“; Hollande selbst hatte da schon angekündigt, er wolle „neu verhandeln“, auch um die Europäische Zentralbank auf Beschäftigungspolitik zu verpflichten.

Angela Merkel ließ sofort wissen, das komme nicht infrage. Ein Vorgeschmack auf zukünftige Konflikte? So viel steht fest: Wenn Frankreich jetzt, mitten in der Krise, seinen neuen Präsidenten wählt, dann könnte das schwerwiegendere Folgen für Europa haben als in normalen Zeiten. Das ließ auch eine Bemerkung Hollandes erahnen, Sarkozy habe sich Merkel „unterworfen“.

Bis vor Kurzem war Hollande in den Umfragen dem Präsidenten in allen Punkten überlegen, nur in dem wichtigsten nicht: In den Augen der Franzosen fehlte ihm die nötige Statur. Schwerwiegend, weil der direkt gewählte Präsident nicht bloß symbolischer Repräsentant, sondern handelnde Inkarnation der Nation sein soll; eine Politpsychologie, die sich in mehr als tausend Jahren Königtum herausgebildet hat und unter demokratischen Bedingungen fortwirkt. Das Präsidiale, das ist die Königsdisziplin. Vor gut zehn Tagen hat Hollande in ihr den Durchbruch geschafft.

Und zwar aufgrund einer frappierenden Verwandlung, wie man sie sonst von Bienenvölkern kennt: Ist eine Arbeiterin zur Königin bestimmt, so verändert sie sich sichtlich, bis sie die Physis für ihre neue Aufgabe hat. Auch mit Hollande ist etwas vorgegangen. Vor Kurzem hielt er vor Zehntausenden Anhängern eine Rede, die so gar nicht hollandisch war – große Oper anstelle von leichter Muse. Genau das, was die Versammelten ersehnt hatten; es entstand eine libidinöse Beziehung zum Redner. Plötzlich hatte Hollande Charisma.

Der Höhepunkt der Rede verdient es, unverkürzt zitiert zu werden: „Ich werde euch sagen, wer mein wahrer Gegner ist. Er hat keinen Namen, kein Gesicht, keine Partei, er wird nie kandidieren und deshalb nie gewählt werden, und doch regiert er: Dieser Gegner, das ist die Finanzwelt. Vor unseren Augen, innerhalb von 20 Jahren, hat sie die Kontrolle über die Wirtschaft, die Gesellschaft und sogar über unser Leben an sich gerissen.“ Tosender Beifall, tags darauf weitreichende Zustimmung.

Wer dachte noch daran, dass der andere, der alte Hollande erst vor einem halben Jahr verkündet hatte, der Feind des Landes sei die Verschuldung? Man muss sich im Übrigen fragen, was man den Franzosen alles so erzählen kann. Die Finanzwelt hätte die Macht usurpiert? Mit anderen Worten, sie hat in den vergangenen Jahrzehnten den Finanzministern gegen deren Willen die Schuldscheine aus der Hand gerissen?

Kommentare zu " Euro-Krise: Hollande - eine Gefahr für Europa"

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  • Na, Adam Ries, ist das nichts für Sie? Hier werden sogar in der linksliberalen ZEIT die Probleme Frankreichs zutreffend dargestellt.
    Wenn ich da an Ihr Zetern und Jammern denke. Frankreich stürzt ab, wenn es so weiter macht. Die Globabisierung macht kein Halt.

  • Nun ja, ich halte Sarkozy für den geeigneteren Präsidenten. Dennoch gilt: die Franzosen wählen den, den sie wollen, und nicht jemanden, der ihnen von außerhalb (insbesondere von ostwärts des Rheins) angetragen wird. Vielleicht erreicht ja auch Marine Le Pen ein sehr gutes Ergebnis?

  • Solange wir glauben, dass die Finanzwelt unser Feind ist, wird sich nichts aendern. Das gilt fuer Frankreich und Deutschland.

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