Euro-Krise

„Man muss den Schuldenländern gratulieren“

Paul De Grauwe gehört zu den weltweit führenden Forschern auf dem Gebiet der Währungspolitik. Im Interview erklärt er, warum harte Stabilitätskriterien der Eurozone wenig helfen und eine Transferunion unvermeidbar ist.
8 Kommentare
Paul De Grauwe, Professor für Geldtheorie an der Universität Leuven.

Paul De Grauwe, Professor für Geldtheorie an der Universität Leuven.

Herr Professor De Grauwe, wie bewerten Sie die Ergebnisse des EU-Gipfels?

Die Ergebnisse sind leider ziemlich ernüchternd. Man ist nur in einem Punkt –  bei der Haushaltsdisziplin – weiter gekommen. Das aber hilft auf kurze Sicht überhaupt nicht - und bringt auch auf längere Sicht kaum Entlastung.

Was muss auf kurze Sicht passieren?

Die EZB muss am Anleihemarkt viel stärker eingreifen, um die Angst an den Märkten in den Griff zu kriegen. Gelingt dies nicht, droht eine Bankenkrise. Die Bedingung der EZB für ein stärkeres Eingreifen war, dass sich die Euro-Länder auf einen Fiskalpakt einigen. Das haben sie gemacht. Ich verstehe nicht, warum die EZB jetzt nicht reagiert.

Die EZB argumentiert, dass ein stärkeres Eingreifen zu Anreizproblemen führen würde. Der Antrieb zu sparen könnte bei niedrigeren Zinsen schnell erlahmen…

Dieses Argument ist nicht überzeugend. Die EZB gibt den Banken nach ihrer jüngsten Aktion fast zinslos Kredite. Das verursacht genauso Anreizprobleme, ist aber weniger effektiv als direkt am Anleihemarkt einzugreifen. Das Bilanzrisiko der Banken ist etwa dreimal so hoch wie das der Staaten. Es wäre billiger gleich am Anleihemarkt zu intervenieren, als später die  Banken zu retten.

Wie könnte das aussehen?

Das Problem ist die Unsicherheit über den Zusammenhalt des Währungsraumes. Diese Unsicherheit sorgt für Panik am Anleihemarkt. Deshalb muss die EZB klar machen, dass sie im Zweifel einspringt und angeschlagene Euro-Länder vor einer Pleite bewahrt.

Reicht das?

Ein weiterer Punkt ist die Mechanik der Anleihekäufe. Bisher entzieht die EZB dem Markt die gesamte Liquidität, die sie für Anleihekäufe aufwendet. Es ist nicht nötig, dass sie das in vollem Umfang macht. Das Geldmengenwachstum in der Eurozone liegt unter dem angestrebten Referenzwert der EZB von 4,5 Prozent. Es wäre durchaus möglich ein höheres Geldmengenwachstum zuzulassen, ohne dadurch eine hohe Inflation zu riskieren.

„In Spanien hat sich der Privatsektor verschuldet“
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Euro-Krise - „Man muss den Schuldenländern gratulieren“

8 Kommentare zu "Euro-Krise: „Man muss den Schuldenländern gratulieren“"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • ein höherer konsum dürfte wohl kaum durch angebote aus den PIGS gedeckt werden, da diese schlicht die wohl nachgefragten produkte nicht herstellen, vielleicht sollte man die währungsunion einfach gegen die wand fahren lassen, frei nach dem motto lieber ein ende mit schrecken, als ein schrecken ohne ende. letztlich wird der nationale wähler, auch in den geberstaaten, irgendwann das letzte wort haben.

  • KeepCool

    Darf ich fragen und tippen? Sie bleiben gelassen. Sie sind pensionsberechtigt und zählen zu den 52 % der deutschen Bevölkerung, die selbst nicht vorsorgen müssen.

  • Dokumentation zur finanziellen Lage von Privaten in Europa:

    http://www.faz.net/aktuell/finanzen/kapitalbilanz-sehr-hohe-geldvermoegen-im-euroraum-11563426.html

  • Zitat: "Eine Transferunion ist in den Europäischen Verträgen nicht vorgesehen, mehr noch, Staatsfinanzierung durch die EZB ist ausdrücklich verboten."

    Die BRD kommt ohne Transferzahlungen auch nicht aus. Insofern bedürften die Europäischen Verträge im Fall einer politischen Union sicherlich einer Überarbeitung.

    Stures Beharren darauf, dass die Zentralbank keine Staatsanleihen kauft, ist möglicherweise kontraproduktiv. Langfristig kann man auf diese Weise aber sicherlich keine Staatenfinanzierung betreiben, ohne die Stabilität der Währung zu beeinträchtigen.

  • Die Moral von der Geschichte der Schuldenkrise ist, die Länder müssen auf die Schulden bzw. Wirtschaftsblasen achten.
    Vor der Krise waren in Italien, Belgien, Griechenland etc. die Privatleute reich und die Staaten arm. In Spanien, Irland etc. war es anders herum. (Berlusconi hat die Italiener als der reichsten Europäer bezeichnet, und in Flandern muß man sich nur die Häuser der Privaten anschauen.)
    Gratulieren sollte man die Privaten in Belgien, Italien, Griechenland etc., die reich geblieben sind.

  • Nochmal so ein 13. Apostel!

  • Glaubt der Autor/Interviewpartner tatsählich, dass diese "massive Anstrengungen" unternommen worden wären, hätte es von Anfang an und unlimitierte Transferzahlungen gegeben. Wie naiv kann denn selbst eine Akademiker sein!? Es sollte mal weniger aus Lehrbüchern zitieren als mal eher praktisch den Länferfinanzausgleich studieren.

  • Eine Transferunion ist in den Europäischen Verträgen nicht vorgesehen, mehr noch, Staatsfinanzierung durch die EZB ist ausdrücklich verboten. Vertrauen schaft man nicht durch fortlaufenden Regelbruch Herr De Grauwe. Wenn die EZB massiv Staatsanleihen aufkauft und die Inflation steigt, werden die Menschen das vertrauen in die Währung verlieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%