Euro-Krise
Scheitert Europa?

Alle Wege zur Lösung der Euro-Krise führen zur Schatzkammer der deutschen Steuerzahler. Die Bundesregierung muss den Zutritt verweigern - oder die Euro-Staaten zu weitreichenden Souveränitätsverzichten zwingen.
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Düsseldorf"Angst ist keine Weltanschauung", hat Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt. Wenn der Schriftsteller da mal nicht irrt. In Europa ist die Angst derzeit die einzige Weltsicht, auf die sich Griechen, Franzosen, Spanier und wie die Völker alle heißen, verständigen können. Die Südeuropäer haben Angst vor dem deutschen Spardiktat, die Deutschen vor südeuropäischem Schlendrian, und die britischen Zeitungen sprachen am Mittwoch vom 4. Reich, nur weil Frau Merkel in Paris ein paarmal streng die Stimme hob. Alle zusammen ängstigen sich vor einem Europa, das im Alltag so gänzlich anders aussieht als das, was versprochen war.

Für Deutschland kann man ohne Übertreibung feststellen: Nahezu alle Versprechungen, die man den Bürgern gab, wurden gebrochen. Und was noch mehr verstört: Sie wurden und werden mit einer Selbstverständlichkeit ignoriert, missachtet, ja geradezu lustvoll in ihr Gegenteil verkehrt, dass man sich fragt, ob die Regierenden den Bürger zum Narren halten wollen.

Wer an die Schuldenkriterien des Maastricht-Vertrags erinnert, gilt als Störenfried. Wer die Regel zitiert, wonach kein Staat für die Schulden des anderen haften darf, macht sich der Naivität verdächtig. Wer in Kreisen der Berliner Gesellschaft fragt, was denn aus der Unabhängigkeit der Notenbank geworden sei, wird als Trotzkopf empfunden.

So wurde die Mitte zum Rand. Und der Rand erklärt sich zur Mitte. Selten waren die Deutschen und ihre Politiker einander so fremd wie in diesen turbulenten Tagen, wo das Wort Krise sich an alles schmiegt, was einst für Zukunft stand. Europa klingt plötzlich bedrohlich. Das "Europäische Haus" sieht aus wie ein Krankenhaus.

Die Investoren in London, New York und Fernost schichten still und leise ihre Währungsguthaben um, kaufen Gold, Schweizer Franken, und selbst der Yen aus dem verstrahlten Japan scheint ihnen derzeit begehrenswerter als der Euro. Gestern sausten die deutschen Aktien erneut nach unten, ohne dass die Unternehmen selbst die Ursache waren.

Scheitert Europa? Allein dass diese Frage gestellt werden kann, gilt an den Finanzmärkten als verweigertes Testat. Es sind nicht die ökonomischen Fakten allein, die Europa am ganzen Leib zittern lassen. Es ist auch ein Angstzittern. Die gebrochenen Versprechen der Politiker und das Schweigen über die Gründe haben eine nervenzerfetzende Wirkung. Zumal beim Publikum das Gefühl aufsteigt, dass der nächste Wortbruch unmittelbar bevorsteht. Niemand hat die Absicht, eine Transferunion zu errichten, versichert uns Angela Merkel. Als seriöse Zeitung kann man diese Zusagen eigentlich nur noch mit dem Hinweis drucken, dass die Redaktion für die Richtigkeit der Äußerungen keine Garantie übernimmt.

Kommentare zu " Euro-Krise: Scheitert Europa?"

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  • Ich bin Deutscher, arbeite und lebe in Hong Kong und kann nur sagen: Wacht auf?
    Ich arbeite normal mehr als 200Std. im Monat...oh jeh...
    Ich habe nur 20 Tage Urlaub...oh mein Gott... Aber ich kann meine Familie unterhalten und unterstuetzen und brauch nicht jeden Tag jammern...
    Deutsche Fachkraefte sind weltweit willkommen...man muss halt flexibel sein!
    Vergiss was war und bla bla...vorbei die Zeiten wo man noch sagen konnte ich bin stolz deutscher zu sein...oder besser deutscher in Deutschland...noch weniger in Europa! Ich sage nun ich bin stolz ein flexibler Deutscher zu sein ausserhalb der Grenzen!

    Gruesse aus Asien...wir haben keine Krise!

  • Was waere wenn die heutigen Laender mit einen guten Schulden-politik und man braucht nicht unbedingt eine AAA-rating zu haben aber man hat schon oft bewiessen dass man Ernsthaft damit beschaeftigt war die eigenen Budgets zu reduzieren wann immer dass noetig war. Was waehre als solche Laender zusammen ein Pakt schliessen sollten um ein Gegenwicht zu bilden gegen die Staten die nachlaessig waren.
    Das gemeinsame Standpunkt koennte man vertreten als Deutschlands Standpunt aber es wuerde Deutschland helfen als Machtsblock fuer eine harte Stellungname. Diese Gruppe koennte die anderen Laender beurteilen auf Ihre ekonomische Kraft und schon im gang gesetzte Budget Anpassungen woraus dann nur ein Land gewaehlt wuerde und mit viel Unterstuetzung von diese Gruppe geholfen wird um seine Wirtschafft wieder anzukurbeln. Die andren Laender wird damit klar gemacht dass nur derjenige der bewusst seine Schulden runterfaehrt vielleicht auch geholfen werden kann.

    Denn fuer mich ist es etwas so unwesentliches dass bei der Einfuehrung vom ESM es Pleitestaten gibt die um mitzumachen im ESM zuerst Geld bezahlt bekommen um dann dass wieder zurueck zu bezahlen damit man sagt: er hat auch seinen Beitrag erfuehlt und ist damit berechtigd Geld aus dem Fonds zu bekommen.

  • Das Prinzip der eigenen Verantwortung wurde gerade von Deutschland, unterstützt durch Frankreich, durchgesetzt.
    Und jetzt will gerade Deutschland "die Euro-Staaten zu weitreichenden Souveränitätsverzichten zwingen".
    Dann warum nicht gleich, das Prinzip der eigenen Verantwortung kann nicht funktionieren, es sei denn man will nur eine Freihandelszone.
    Wir haben aber auch eine Währungsunion und eine Währungsunion ohne Fiskalunion ist nicht lebensfähig.
    Das hatten damals viele Wirtschaft- und Finanzexperte vorausgesagt.
    Aber Deutschland hat dies damals abgelehnt.
    Jetzt wo das Kind in Brunnen gefallen ist, kommt gerade Deutschland damit.
    Warum nicht gleich?

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