Euro-Rettungsschirm
EZB-Ratsmitglied Noyer offen für Hebeltrick

Eine Aufstockung des Euro-Rettungsschirms EFSF hält Frankreichs Notenbank-Chef Noyer für unrealistisch. Eine Hebellösung hingegen kann er sich vorstellen. Heute muss sich auch Finanzminister Schäuble dem Thema stellen.
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Tokio„Aber ich persönlich bin offen für jedes Modell, das eine Hebelung der bestehenden Mittel erlaubt, um größere Interventionskapazitäten bereitzustellen“, sagte EZB-Ratsmitglied Christian Noyer am Montag. Nach den bisherigen Plänen soll der EFSF mit einem Kreditvolumen von 440 Milliarden Euro ausgestattet werden, um die europäische Schuldenkrise einzudämmen. Viele Akteure an den Finanzmärkten und auch die USA halten dies aber nicht für ausreichend. Daher wird derzeit über Wege diskutiert, den Rettungsfonds durch den Einsatz eines sogenannten Kredithebels (Leverage) zu stärken. Ziel ist es, über die Mobilisierung von Fremdkapital das zur Verfügung stehende Kreditvolumen zu vervielfachen.

Die Euro-Finanzminister sollten dieses Thema am Abend bei ihrem turnusmäßigen Treffen diskutieren. Beschlüsse waren allerdings nicht zu erwarten. Diese könnten am 18. Oktober folgen, wenn sich die Staats- und Regierungschefs im Anschluss an den regulären EU-Gipfel zu einem Euro-Spitzentreffen zusammenfinden. Die Aussichten für eine Hebel-Lösung für den EFSF sind unklar. In der Bundesregierung hat sich die FDP dagegen ausgesprochen. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich die Tür für einen solchen Schritt offen gelassen.

Seine österreichische Amtskollegin Maria Fekter sagte der Zeitung „Die Welt“: „Wenn der aktuelle Rettungsschirm EFSF gestärkt werden muss, um mehr Vertrauen in die Märkte zu bringen, dann muss das durch marktnahes Handeln, eine Transaktionssteuer und gewisse Hebel passieren.“ Darüber machten sich Experten derzeit intensiv Gedanken. Wie genau eine solche Hebel-Lösung aussehen könnte, wollte Fekter nicht erläutern. „Es wäre unseriös, wenn ein Finanzminister da vorprescht“, sagte sie dem Vorabbericht zufolge. Höhere Bürgschaften durch die Euro-Staaten im Rahmen des EFSF stehen ihren Worten zufolge „derzeit nicht zur Diskussion“.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hatte sich ebenfalls für eine weitere Stärkung des Euro-Rettungsschirms EFSF ausgesprochen. In der „Rheinischen Post“ machte sich der Würzburger Ökonom für die umstrittene Idee des „Kredithebels“ stark. „Der Rettungsschirm reicht nicht für Italien. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, dass die Euro-Staaten jetzt über einen Kredithebel für den EFSF nachdenken“, sagte Bofinger.

Derzeit wird über eine Ausweitung der Schlagkraft des Rettungsschirms diskutiert. Ein Vorschlag ist der sogenannte Kredithebel: Mit einer solchen Hebelwirkung („leverage“) können Hilfen für bedrohte Länder oder Pleitestatten verstärkt werden, indem weitere Geldgeber - etwa Staatsfonds aus Asien oder Arabien - für den EFSF gewonnen werden. Die würden dann auch Haftungsrisiken übernehmen, wobei die Tranchen mit größerer Ausfallwahrscheinlichkeit wohl beim EFSF verbleiben. Einfach gesagt: Aus einem EFSF-Euro werden fünf Euro, ohne das EFSF-Kapital aufzustocken.

Auch der Chef des industrienahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, nannte den Hebel dem Blatt zufolge „unvermeidbar, wenn man davon ausgeht, dass auch Italien oder Spanien geholfen werden muss“. Hüther hielt dies allerdings für noch nicht ausgemacht. Nach dem Bundestag hatte am Freitag auch der Bundesrat die neuen Euro-Hilfen abgesegnet.

Agentur
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Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Euro-Rettungsschirm: EZB-Ratsmitglied Noyer offen für Hebeltrick"

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  • Aber man sieht es doch. Die Menschen sind nicht bereit in ihrer Wahlentscheidung etwas zu ändern (wählen immer CDUSPDFDPrüneLinke) solange es noch etwas zu verlieren gibt. Und wenn sie die mal nicht mehr wählen, wird es auch nichts mehr geben. Alternativen werden als (rechts)populistisch medial auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Parteien, die gegen Islamisierung (Partikularisierung der Gesellschaft) und Euroimperialismus eintreten, werden totgeschwiegen und bestenfalls lächerlich gemacht und haben im Endeffekt keine 2-3% bei den letzten Berlin-Wahlen erhalten, obwohl sich doch soviele über Rettungsschirm und Sarrazin-Debatte aufgeregt hatten. Die Menschen haben Angst vor der eigenen Courage. Daher macht es eigentlich keinen Sinn überhaupt sich zu dem Thema weiter zu informieren oder über solche Kommentare hier bei der politischen Meinungsbildung mitzuwirken. Die Mehrheit wird sich an die immer kleiner werdenden Reste krallen bis es zu spät ist. Besser man investiert seine Kreativität und Zeit dafür als Fett solange wie möglich über der ängstlichen Mehrheit zu schwimmen. Widerstand ist zwecklos - wenigstens in einer "Demokratie", wo die Mehrheit medial völlig bis zum Untergang kontrolliert ist.

    Kleines Kompliment an das Handelsblatt: es gibt keine andere so wenig (wenn überhaupt) zensierte Zeitung. Also am HB hat es am Ende nicht gelegen. Trauig.

  • "Hebeltrick" ist genau der richtige Begriff. Nur, worin besteht eigentlich der Trick?
    Er besteht darin, dass dass die EZB 100 % Geld ausreicht gegen 20 % Sicherheiten. Und natürlich darin, dass man so tut, als wäre dem nicht so.

  • Was keiner sagt ...

    ist dass ein x-facher Hebel auch ein x-faches Kreditausfall-Risiko bedeutet!

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