Euro-Zone vor dem „GAU“
Ex-EZB-Chefökonom für Euro-Ausschluss Griechenlands

Dass Griechenland hoffnungslos verschuldet ist, hat nun auch die Politik eingesehen. Doch sie laviert und findet kein Rezept gegen die drohende Pleite. Ex-EZB-Chefvolkswirt Issing rät daher zu einer drastischen Maßnahme.
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DüsseldorfAls ehemaliger Chefvolkswirt und ehemaliges Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) war er maßgeblich am Entwurf der geldpolitischen Strategie der EZB beteiligt. Jetzt schaltet sich Otmar Issing in die Griechenland-Debatte ein und nimmt angesichts der teilweise verheerenden Performance der Politik in der Krise auch kein Blatt vor den Mund. Denn Issing sieht nichts mehr und nicht weniger durch den drohenden Griechenland-Absturz gefährdet als die Gemeinschaftswährung. Im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ warnt der Ökonom davor, leichtfertig über eine Umschuldung des Mittelmeerlandes zu parlieren, ohne die Folgen dabei zu bedenken.

Issing, der während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise als Kanzlerberater für Angela Merkel eine neue Finanzmarktarchitektur entworfen hat, hält eine Umschuldung Griechenlands bei gleichzeitigem Verbleib im Euro-Raum für einen „GAU". Denn dies hätte seiner Ansicht nach fatale Signalwirkung. „Bleibt Griechenland danach Mitglied in der Währungsunion und kann auf weitere Hilfen sowie Refinanzierung bei der EZB vertrauen, ist das Ende der Währungsunion eingeläutet", sagte Issing.  „In Griechenland würden so gut wie alle Reformbemühungen eingestellt. Das Land erhielte faktisch einen Freibrief, mit der verhängnisvollen Politik der Vergangenheit fortzufahren." Daraus folge, dass nach einigen Jahren ein weiterer Schuldenschnitts notwendig würde.

Der Finanzexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Frank Schäffler, lobte die Ausführungen Issings als „absolut richtig“. Zugleich forderte das FDP-Bundesvorstandsmitglied Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) auf, sich für einen Ausschluss des Mittelmeerstaates aus der Währungsunion einzusetzen. „Eine Umschuldung Griechenlands muss mit einem Angebot verbunden werden, die Euro-Zone vorübergehend zu verlassen, um die eigene Währung abzuwerten“, sagte Schäffler Handelsblatt Online. „Dies ist der einzig sinnvolle Weg, um kurzfristig die Wirtschaft preislich wieder wettbewerbsfähig zu machen.“ Wenn Griechenland seine Hausaufgaben gemacht habe, könne es zu einem späteren Zeitpunkt gerne wieder  der Eurozone beitreten. „Mit Erschrecken nehme ich wahr, wie Schäuble und Merkel die  Realität und die Fachwelt ignorieren“, sagte Schäffler. Dauerhaft gegen ökonomische Grundregeln Politik zu machen, gefährde das Sparvermögen der Bundesbürger.

Issing ist in der gegenwärtigen Phase der Krise überzeugt, dass Griechenland seine Schulden nicht wird bedienen können. „Simulationen, die etwas anderes zeigen, beruhen auf unrealistischen Annahmen. Ein massiver Schuldenschnitt ist also unvermeidlich“, sagte er.

Doch wenn die Staatschefs der Eurozone nun eine Umschuldung zulassen sollten, dann müssten sie das Land aus der Währungsunion ausschließen. Ansonsten, befürchtet Issing, würde ein Verbleib schwerwiegende Folgen für die Euro-Zone nach sich ziehen. „Dann wird eine Lawine losgetreten. Die Dynamik wird sich nicht mehr aufhalten lassen. Die Einladung, sich von einem großen Teil der Schulden zu befreien, wird sich für Länder mit hoher Staatsschuld als unwiderstehlich erweisen."

Das schlechte Beispiel Griechenlands würde dann Schule machen, warnt der Ökonom. „Die unvermeidliche Ausbreitung auf andere Mitgliedstaaten wäre der wirkliche GAU. Kann man sich vorstellen, dass ein Land wie Irland dann seinen Kurs fortsetzt?", fragte Issing. „Wie soll die Regierung ihren Bürgern erklären, dass weitere harte Einschnitte notwendig sind, wenn es denn so viel leichter geht, indem man sich über die drastische Reduzierung der Schulden der Probleme entledigen kann."

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  • Vorab nur zur Klarstellung: Der Diskussionspunkt ist nicht Aussschluß aus der EU, sondern Ausschluß aus der Eurozone.

    De facto insolvent ist nicht ganz Griechenland, sondern der griechische Staat. Im Zuge eines Insolvenzverfahrens werden auch einige griechische Banken abgewickelt werden müssen; sicher nicht alle Banken und Privatunternehmen.

    Eine Umstellung auf Drachme würde über Abwertung zwar zunächst die Exportpreise senken, jedoch alle Importe erheblich verteuern. Rohstoffe und Vorprodukte aus dem Ausland würden im nächsten Schritt die Kostenpreise auch der Exportprodukte anheben. Weder der griechischen Inlandsnachfrage noch der griechischen Exportwirtschaft wäre dann mit der Drachme gedient.

    Es geht wie gesagt um den griechischen Staat. Er würde durch die Insolvenz Altlasten an Schulden loswerden. Die Altlasten sind aber in Euro beziffert; in Drachme würde sie auf andere Zahlen umgerechnet, die wesentlich höher liegen.

    Der Staat wird seine Ausgaben deutlich reduzieren müssen und gleichzeitig bleibt zu prüfen, in welchem Umfang sozialverträglich Steuern und Abgaben angehoben werden müssen.

    Außerdem wird man über Kredithilfen (Konditionen, Zinsen) für investive Zwecke (zur Steigerung der griechischen Wirtschaftsleistung) reden müssen. Und über verbesserte Konditionen für die Ansiedlung ausländischer Investoren in Griechenland. Eine Einführung der Drachme wäre da eher kontraproduktiv.

  • @Knut34
    Flotter Spruch, nur so funktioniert Wirtschaft nicht. Dem Exporteur ist es schnurzpiepegal, an wen er seine Waren exportiert. Wenn die Banken ihre Arbeit tun, werden die Exporteure von allen Kunden mit gutem Geld bezahlt.

    Es sind die Banken und Steuerzahler, die nachher auf den ungedeckten Schuldscheinen sitzen bleiben. Wenn die Banken dann verstaatlicht werden, bleibt alles am Steuerzahler kleben. Die Exporteure sind fein raus, weil sie auch noch mit die geringsten Steuern in der Republik bezahlen.

    So funktioniert Wirtschaft. Unsere Meisterexporteure exportieren an Schuldner, deren Konten am Ende von den deutschen Steuerzahlern ausgeglichen werden. Ein mäßig verdeckte Transfer. Dass sich alle öffentlichen Stimmen einig sind, dass sie keine Transferunion wollen, ändert nichts an der Tatsache, dass nur so Deutschlands Ultarexport funktionieren kann.

  • If you panic, panic first. DE sollte sofort den Euro verlasen und AT, NL & FI mitnehmen. Dann kannd er Club med machen was er will: Schulden, betrügen, Bunga Bunga...

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