Euroeinführung
Estland geht topfit in die Euro-Zone

Mitten in der Euro-Krise wird die Euro-Zone größer: Zum 1. Januar führt das baltische Land die Einheitswährung ein und beweist sich dabei als beispielhaft. Andere Länder müssen hingegen noch warten, manche lehnen den Euro auch ab.
  • 12

TALLINN . Inmitten der schwersten Euro-Krise ist von Furcht oder Verunsicherung auf dem Weihnachtsmarkt der estnischen Hauptstadt Tallinn wenig zu spüren. Der Handel auf dem Weihnachtsmarkt floriert, viele Touristen sind da, noch bis zum 6. Januar gibt es mollige Strickpullover oder Kunsthandwerk. In diesem Jahr allerdings ist das Einkaufen etwas anders, als es sonst war: Schon seit Monaten müssen alle Preise auf Waren doppelt ausgezeichnet werden - in estnischen Kronen und in Euro.

Estland wird in wenigen Tagen, am 1. Januar 2011, als erstes baltisches Land den Euro einführen. Es wird damit das 17. Mitglied der Euro-Gruppe - und hat sich bestens auf die Einführung der Gemeinschaftswährung vorbereitet. Von einem "Musterschüler" sprach sogar EU-Haushaltskommissar Olli Rehn. Und das war keine freundliche Übertreibung, denn zurzeit erfüllen nur zwei EU-Mitglieder die Maastrichtkriterien: neben Estland noch Luxemburg.

Das Land hat beneidenswert niedrige Schulden

Tatsächlich hat das durch die globale Finanzkrise besonders geplagte Estland eine harte Sparpolitik durchgeführt - immer das Ziel der Euro-Einführung vor Augen. Finanzminister Jürgen Ligi kann heute mit Wirtschaftsdaten aufwarten, um die ihn viele seiner EU-Amtskollegen beneiden: Das Land mit seinen nur 1,3 Millionen Einwohnern hatte 2009 ein Haushaltsdefizit von 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und auch die Staatsverschuldung von gerade einmal 7,2 Prozent sichert einen Spitzenplatz innerhalb der EU. Problematisch ist hingegen die Inflation, sie liegt mit rund fünf Prozent relativ hoch. Und auch die Arbeitslosenrate von derzeit etwa 15 Prozent gehört zu den höchsten in der EU.

Dass das kleine baltische Land überhaupt den Euro einführen darf, hatten viele Experten vor nur zwei Jahren nahezu ausgeschlossen. Denn Estland schlitterte zusammen mit seinen baltischen Nachbarn Lettland und Litauen tief in die Wirtschaftskrise. Das Land, das nach dem EU-Beitritt 2004 zeitweise mit zweistelligen Wachstumsraten glänzen konnte und sich einer der weltweit liberalsten Volkswirtschaften mit extrem niedrigen Steuern und wenig staatlicher Steuerung rühmte, stürzte mit der Finanzkrise in ein Loch. Vor zwei Jahren schrumpfte die estnische Wirtschaft um mehr als fünf Prozent, 2009 sogar um knapp 14 Prozent. Die Regierungen der vergangenen Jahre hatten es versäumt, rechtzeitig finanzpolitisch gegenzusteuern und eine Überhitzung der Wirtschaft zumindest abzubremsen. Vor allem der Immobiliensektor boomte, und viele Esten verschuldeten sich mit billigen Euro-Krediten bis über die Ohren. Als dann die Immobilienpreise purzelten, standen Kreditnehmer, aber auch die Kreditgeber - zumeist schwedische Banken - vor einem Scherbenhaufen.

Anders als in Lettland, das EU und IWF um einen 7,5-Milliarden-Euro-Notkredit bitten musste, sparte sich Estland ganz allein aus der Krise. "Unser Ziel war immer die Einführung des Euros", sagt Finanzminister Ligi. "Deshalb konnten wir auch harte Sparmaßnahmen durchsetzen." In der Tat mutete die Mitte-rechts-Minderheitsregierung in Tallinn ihren Wählern eine Rosskur zu: Gehaltskürzungen von bis zu 40 Prozent ertrug die Mehrzahl der Esten mit nordischer Ruhe. Gewalttätige Proteste wie etwa in Griechenland gab es auch nicht, als die Regierung die Pensionen einfror und Sozialleistungen kürzte.

Eine Abwertung der estnischen Krone, die nach der Unabhängigkeit des Landes von der Sowjetunion 1992 zunächst einseitig an die D-Mark, später an den Euro gekoppelt war, kam für Tallinn nie infrage. Denn das hätte nicht nur die Banken, sondern auch die Mehrzahl der Kreditnehmer in arge Bedrängnis gebracht. Und die rigorose Rotstiftpolitik zeigt Erfolge: Erstmals seit der Wirtschaftskrise rechnen Ökonomen in diesem Jahr wieder mit einem leichten Wachstum von etwa 1,8 Prozent. Es sind die Exporte, die die Wirtschaft antreiben, die Binnennachfrage ist wegen der hohen Arbeitslosigkeit und den gesunkenen Löhnen weiterhin schwach.

Bürger ängstlich, Regierung optimistisch

Während viele Esten fürchten, mit in den negativen Euro-Strudel gezogen zu werden, zeigt sich die Regierung überzeugt, dass ein kleines Land wie Estland nur im Euro-Kreis langfristig Stabilität erlangen kann. Auch Theis Klauberg, Mitbegründer der deutschen Anwaltskanzlei BNT, die Büros in allen baltischen Ländern unterhält, sieht in der Euro-Einführung große Vorteile für das Land. "Für Investoren wird das Risiko geringer. Die Krone war zwar an den Euro gekoppelt, hätte aber theoretisch dennoch abgewertet werden können", sagt er. Außerdem fielen jetzt Umrechnungskosten in Höhe von ein bis zwei Prozent weg. "Da die Zinsen im Euro-Raum geringer sind, sinken auch die Refinanzierungskosten." Er rechnet mit einem Investitionsschub nach dem 1. Januar.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Euroeinführung: Estland geht topfit in die Euro-Zone"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @Peter Thomas
    Die EUdSSR ist zu einer Schuldenunion geworden und Deutschland muß die Schulden der PiGS-Länder (1800 Milliarden) bezahlen! Das bedeutet eine starke inflation des Euro in den nächsten Jahren!

    Das Silber oder Gold ein Totalverlust sein können ist lächerlich. Das Leben geht weiter. Es wird neue Währungen geben und dann kann man es wieder eintauschen. Es stimmt schon, was schon angesprochen wurde. Pro-Euro sind nur die in Deutschland, die persönlich davon profitieren oder aus den PiGS-Ländern stammen. Aus welchem Land stammen Sie, Peter Thomas?

    Außerdem widersprechen sie sich selbst wenn sie behaupten, dass Deutschland auch nicht besser dastehe, aber als letzter Triple A haben wird. Das ist ein Widerspruch, der selbst ihnen auffallen müsste.

  • Warum mosern hier so viele über den Euro? Er ist nicht weicher als die blöde D-Mark. Lesen Sie doch mal die Publikationen der bundesbank!!!!!!!!!!!!
    @Eurobankrotteure: Daran ist nicht der "arme" Euro verantwortlich, sondern der Handel, welcher seine Margen gigantisch vergrößert hat: Produktion in Fernost, Verkauf hier in Euro. Super! Warum wohl legen die Konsumaktien permanent zu?
    @Rainer_J: ihr Silber muß auch mal zum Überleben in Naturalien eingetauscht werden, und wenn es im entscheidenden Moment keinen Markt gibt, oder niemanden, der ihnen das abkauft(eins von beiden wird sehr wahrscheinlich werden) bleiben Sie genauso darauf sitzen. Das nennt man dann Totalverlust!!!

  • @ [5] Das ist die Wahrheit

    ich sage ihnen, was die Wahrheit ist.

    ich habe hier vor mir einen bon von 2001 liegen.
    Gekauft wurde eine "Wrangler Texas Jeans" zum Preis von regulär 79,00 D-Mark.
    Letzte Woche war ich wieder im gleichen Jeansshop.
    Wieder kaufte ich eine "Wrangler Texas Jeans", Modell, Farbe und Größe, wie damals.
    Wenn ich jetzt auf den bon von 2010 schaue, steht da als Kaufpreis 69,90 €.
    Die Wahrheit ist, das sich der Preis für die identische Hose fast verdoppelt hat. Genau das ist die Krux mit dem (T)Euro. ich habe heute weniger "Wert" im Geldbeutel als damals, muß aber für die gleiche Handelsware fast das doppelte bezahlen. Das ist nicht nur bei Textilien so, sondern gilt für fast alle Waren des täglichen bedarfs, sowie für Energie und die Gebühren der öffentlichen Hand. Mein Gehalt hingegen stagniert seit Jahren. ich habe innerhalb der letzten 8 Jahre durch massive Preissteigerungen und gleichzeitige Weichwährung Euro (im Vergleich zur harten D-Mark) die Hälfte meiner Kaufkraft verloren. Also kommen Sie mir nicht mit Euro-Nörgler und dergleichen. Was ich oben beschrieben habe, genau das ist die Wahrheit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%