Eurogruppenchef
Jean-Claude Juncker – der Überzeugungstäter

Jean-Claude Juncker ist zurzeit mit dem härtesten Stück Arbeit seiner Karriere beschäftigt. Die Europäer müssen sich auf einen schmerzlichen Sparkurs einstellen. Juncker muss den Regierungen beibringen, dass kein Weg daran vorbeiführt, diese Botschaft zu vermitteln.
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DÜSSELDORF. In der neutralen Schweiz, wo sich die Menschen die Krise der europäischen Währung mit einer Mischung aus Gefühlen wie „Haben wir schon immer gesagt“ und „Herrjeh, was kommt da noch auf uns zu“ beobachten, hatte Jean-Claude Juncker, Luxemburgs Ministerpräsident und Chef der Eurogruppe, einmal einen legendären Auftritt. Die Größen der Schweiz wollten von ihm wissen: ob er als Führer eines kleinen Landes ihnen raten könne, in der Europäischen Union mitzumischen.

Juncker, der heute 56 Jahre alt wird und zeitlebens kaum Ratschläge gegeben hat, sondern lieber nur Fragen stellte, um sie dann sich selbst und den anderen zu beantworten, erzählte daraufhin die Fabel von der Laus und dem Löwen: Der Löwe ist der Laus herzlich egal. „Aber die Laus?“ fragte er. „Sie kann den Löwen zur Weißglut bringen.“

Gestern war wieder so ein Löwentag. Deutschlands politische Elite kanzelte Junckers Vorschlag ab, einen Euro-Bond zu schaffen, um die Schuldenkrise in der Europäischen Union besser in den Griff zu bekommen. „Unnütze Diskussion über neue Initiativen“, urteilte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble. Nicht vereinbar mit den europäischen Verträgen, zog sich Kanzlerin Angela Merkel auf formales Terrain zurück – und machte so gleichzeitig klar, dass die Laus mal wieder mehr als einen kurzen Juckreiz beim Löwen ausgelöst hatte.

Juncker, Kettenraucher wie Helmut Schmidt, der ihm diese Woche im Handelsblatt bescheinigte, in Europa einer der wenigen Politiker von Format zu sein, ist zurzeit mit dem härtesten Stück Arbeit seiner Karriere beschäftigt. Für Juncker hat seit Jahresbeginn der besonders unangenehme Teil des europäischen Managements der Wirtschaftskrise begonnen. Die Regierungen müssen die vielen Milliarden, die sie im Kampf gegen die Krise verteilt haben, langsam, aber sicher wieder einsammeln. Das Geld für Bankenrettung und Konjunkturpakete war schließlich nur geliehen und hat die angespannte Haushaltslage einiger Staaten überstrapaziert. Die Staatsverschuldung ist fast überall in der EU explodiert. Die Europäer müssen sich von Dublin bis Athen auf einen schmerzlichen Sparkurs einstellen. Die Regierungen kommen nicht umhin, Steuern zu erhöhen und Sozialausgaben zu kürzen. Sie müssen ihrem Volk beibringen, dass es für den Erhalt der europäischen Idee auf Wohlstand verzichten muss. Und Juncker muss den Regierungen beibringen, dass kein Weg daran vorbeiführt, diese Botschaft zu vermitteln.

Da hilft es kolossal, nicht durch Machtattitüden wie sein Intimfeind, der französische Präsident Nicolas Sarkozy, die Europäer von Europa zu überzeugen. Und auch nicht durch unterkühltes Taktieren, wie die deutsche Kanzlerin es vormacht. Juncker beherrscht die Kunst der Diplomatie, die, wenn sie aufgeht, sanfte Sieger produziert. Und was ist, wenn sie nicht aufgeht? In seinem Arbeitszimmer im beschaulichen Amtssitz lehnt sich Juncker in seinem Sessel zurück. Er denkt nach. „Ich bin zur Selbstkritik fähig“, sagt er und fügt hinzu: „Ich rede dann nur leiser.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Eurogruppenchef: Jean-Claude Juncker – der Überzeugungstäter"

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  • Herrschaften wie Juncker und Quaden fliegen momentan ihre Staatsgebilde Luxenburg und belgien um die Ohren. Da macht Not erfinderisch.
    Historisch: Einer der bedeutsamsten Großherzöge Luxenburgs war beidseitig blind. Ungeachtet dessen focht er Schlachten eigenhändig. Zum Kampf herausgefordert verlangte er zum Zwecke der Waffengleichheit die beidseitige vorherige blendung des Gegners.
    UND GENAU DAS VERSUCHT DER HERR JUNCKER JETZT AUCH!

  • Juncker gehört zu den völlig überschätzen EUliten, die uns genau die Suppe eingebrockt haben, die vor uns in riesengroßen Terrinen steht. Vielen Dank dafür übrigens.
    Wenn die Eurozone auseinanderbricht, ist Herr Juncker ohne Job. Das allein sollte ihn schon etwas motivieren, auch die soliden europäischen Volkswirtschaften dem Staatsbankrott näherzubringen.
    Warum bundeskanzler a.D. Herr Schmidt hier gewürdigt wird, entzieht sich meiner Kenntnis - der alte Mann ist in seiner Wahrnehmung aufgrund seiner biographie extrem einseitig; ich verstehe natürlich, dass jemand, der als Offizier der ehemaligen deutschen Wehrmacht an der Ostfront war und als Zuschauer beim Volksgerichtshof unter Roland Freisler zugegen war traumatisiert ist. Aber es ist nicht hilfreich, den jungen Deutschen erklären zu wollen, sie müssten noch im 21. und wohl auch im 22. Jahrhundert Schuld in Europa abtragen. Diese freiwillige Selbstkasteiung ist für ein Land extrem ungesund - es könnten Reflexe entstehen, die niemand will.

    Seien wir ehrlich: in der EU, so, wie sie sich entwickelt hat, gibt es nur Defizite. Es ist kein zusammenwachsendes Europa, sondern ein basar, der durch finanzielle Ansprüche der einzelnen Mitglieder gemeinsames interesse vorgibt. Solange es jemanden gibt, der aufgrund historischer Schuld bedenkenlos die eigenen heutigen Steuerzahler plündert, mag das funktionieren. Heute sind wir allerdings so weit, dass Deutschland, selbst wenn es wollte, dieses unrettbare "politische Projekt" Euro nicht mehr retten kann. Die bunds steigen in der Risikowahrnehmung der investoren; die Zinsentwicklung der bunds ist eindeutig. Die Pensionsfonds und Lebensversicherungen werden extrem viel Geld verlieren, dass deutschen Rentnern später fehlen wird - eine Verarmung ohnegleichen werden wir erleben. Die EZb mag zwar Geld drucken ohne Ende - von 2 billionen ist schon die Rede, aber da führt am Ende zum gleichen Ergebnis, nämlich der Ruinierung der Währung "Euro" und damit zur Verarmung breiter bevölkerungsschichten, die sich kein Gold leisten können.

    Herr Juncker hat tatsächlich die Chuzpe zu versuchen, fortwährend Sand in die Augen der Deutschen zu streuen. Wenn die allerdings nicht sofort vorauseilend devot Gehormsam schwören, gelten sie als antieuropäisch und simpel.
    Herr Schmidt sollte hier mal im einzelnen seine Meinung darlegen, wie er die Eurozone retten will. Dazu sagt er nichts - dazu fällt ihm nichts ein.

    Der persönliche Ehrgeiz so mancher Politiker zu brillieren, ist in dieser Zeit geradezu verwerflich. Gebt endlich zu, dass wir Probleme haben, die ihr Euch nie im Leben habt vorstellen können. Sagt, was ihr wollt, aber lasst den Souverän entscheiden. Das bVG sollte eine Volksabstimmung mit vorheriger Aufklärung des deutschen Wählers vorschreiben. Alles Andere ist antidemokratisch bei Fragen, die das Wohlergehen des deutschen Volkes (aber auch der anderen europäischen Völker wie Holland, Finnland, Frankreich, etc.) über Jahrzehnte beeinflussen wird. Dafür hat keiner der heutigen Politker ein Mandat, auch wenn sie sich gegenseitig hochleben lassen, wie Herr Schmidt diesen Herrn Juncker - auch das kennen wir noch von den Grußbotschaften der Politbüros!
    ondoron@yahoo.de

  • "Sie müssen ihrem Volk beibringen, dass es für den Erhalt der europäischen idee auf Wohlstand verzichten muss."

    Sie müssen wohl glauben, die Menschen wären mit dem Klammerbeutel gepudert. Vor allem für den Erhalt des maroden betrügerischen Finanzsystems, dessen insolvenz verschleppt wird, bis die betrügerischen billionensummen ungedeckter Finanzforderungen dem Steuerzahler in die bücher geschrieben und so gewaschen wurden, müssen wir auf Wohlstand verzichten. Der (Selbst-)betrug dieses Systems ist schon so sehr in den Zeitgeist gesickert (in die Politik sowieso), dass er nur von wenigen noch klar erkannt werden kann.

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