8 Bewertungen ****
25.08.2008 
Europäisch-russische Beziehungen auf der Kippe

Europa bellt, aber beißt nicht

Die Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen geht weiter. In sehr deutlicher Form kritisiert jetzt auch Außenminister Steinmeier die Forderung der Duma, die abtrünnigen georgischen Provinzen anzuerkennen. Der Streit bedroht die militärische, politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland. Er zeigt aber auch: Die Europäer sind in ihrem Verhältnis zu dem wichtigen Energielieferanten tief gespalten.

Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier: Europäer suchen nach Antworten auf Georgien-Krise. Foto: ReutersLupe

Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier: Europäer suchen nach Antworten auf Georgien-Krise. Foto: Reuters

HB MOSKAU/BERLIN. Ein halbes Jahr nach Anerkennung der Kosovo- Unabhängigkeit durch den Westen hat Russland seine lang angekündigte Antwort gegeben. Das Parlament in Moskau nahm den jüngsten Krieg im Südkaukasus zum Anlass, die Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens von Georgien zu fordern.

Russlands Staatsmedien schüren die patriotische Stimmung in der Öffentlichkeit derart, dass Präsident Dmitrij Medwedjew als entscheidende Instanz früher oder später die Gebiete anerkennen dürfte. Nach dem Streit um den russischen Militäreinsatz in Georgien steuert der Kreml damit in einen noch größeren Konflikt mit dem Westen.

So kündigte Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin einen Stopp der Aufnahmeverhandlungen zur Welthandelsorganisation WTO) an. Moskau werde bereits gemachte Zusagen in den Beitrittsverhandlungen zurücknehmen. Aus der US-Regierung hatte es bereits am Wochenende Drohungen geben, eine WTO-Aufnahme Russlands zu blockieren.

Auch eine geographische Ausweitung des Konflikts deutet sich an. Denn Medwedjew warnte das südosteuropäische Land Moldawien davor, den Konflikt mit den dort von Moskau unterstützten Separatisten im abtrünnigen Landesteil Transnistrien gewaltsam zu lösen. Russland werde seine „Aktivitäten“ verstärken, sagte ein Kreml-Sprecher. Dies wurde als offene Unterstützung für die Separatisten gewertet. Zugleich äußerte Medwedjew die Erwartung, dass die Kontakte Russlands und der Nato komplett gestoppt würden. Für Moskau habe dies keine gravierenden Folgen.

Die Beziehungen der EU mit Russland stehen damit auf der Kippe. So fordern einige osteuropäische EU-Regierungen, die gerade begonnene Verhandlungen für ein neues Partnerschaftsabkommen mit Russland zu beenden. Sowohl Berlin als auch die französische EU-Ratspräsidentschaft lehnen dies aber ab. Dies wird Thema auf dem EU-Sondertreffen am 1. September in Brüsel sein. Sowohl die Bundesregierung als auch die EU kritisierten die russischen Anerkennungsforderung scharf. „Das ist gegen internationale Verträge“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei Besuch in Stockholm. Sie sei „besorgt“.

„Diese Forderung erschwert eine Lösung der Konflikte im Kaukasus“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier dem Handelsblatt. Ausdrücklich wies er die russische Sichtweise im Kaukasus-Konflikt zurück. „Unsere Position ist klar: Die territoriale Integrität Georgiens steht nicht zur Disposition, eine politische Lösung der Konflikte muss auf dieser Grundlage erfolgen.“

Die russische Duma hatte sich am Montag für die Anerkennung der Unabhängigkeit der abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien ausgesprochen. Konkret geht es nach Experten-Ansicht darum, dass nur mit einer Abspaltung von Georgien die Stationierung der russischen Soldaten in den Provinzen auf Dauer zu rechtfertigen sei. Denn Georgiens Präsident Michail Saakaschwili hat gleich nach dem Blutvergießen im Südkaukasus den Austritt seines Landes aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) verkündet. Die Legitimierung der russischen Friedenssoldaten, die mit einem Mandat der GUS seit über zehn Jahren in Abchasien und Südossetien stationiert sind, fiele damit weg.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Forum Diskussionen zu diesem Beitrag im Forum
  Alle anzeigen
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

Vorhersage Europa

weiterBildergalerien

zurück
  • Reif für die Senioren-Union? 60 Jah...

    Reif für die Senioren-Union? 60 Jahre Seehofer

    Als er als Ministerpräsident nach Bayern kam, schmiss er alle über 60-Jährigen aus dem Kabinett. Jetzt erreicht der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer selbst die magische Grenze. Doch das wird er durchstehen – wie er schon so manch...Bildergalerie 

  • G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, P...

    G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, Paläste

    G8-Gipfel sind nicht ohne Demonstranten denkbar. 1999 fand der letzte „normale“ Gipfel statt – in Köln. Seither igeln sich die Staatschefs an schwer zugänglichen Orten ein. Ein Rückblick.Bildergalerie 

  • Große Koalition: Bilanz mit Schönhe...

    Große Koalition: Bilanz mit Schönheitsfehlern

    Die Finanz- und Wirtschaftskrise bestimmt die Tagesordnung des Parlaments seit bald einem Jahr - und hat mit dazu beigetragen, dass die Große Koalition mehr Gesetze beschlossen hat als einst die Regierung von Kanzler Gerhard Schröder in der Legislaturperiode ...Bildergalerie 

vor

 

 

weiterGlobal Reporting

Hässliches Gesicht 

03.07.2009Global Reporting

Die Bluttat von München schockiert die Schweiz. „Mordversuch“, „Schläger ohne Reue“, „Empörung über Schweizer Schläger in München“, titeln die Zeitungen. Blog


weiterMadagaskar

Keine Revolution, kein Live-Blog 

02.07.2009Madagaskar

Der Aufstand gegen die Wahlfälschung hat Iran verändert, aber (noch) keine Revolution ausgelöst. Daher berichte ich hier nur noch vereinzelt über den Machtkampf in Teheran. Blog


Handelsblatt Marktplatz

Finden auch Sie den Partner, der Sie so liebt wie sie sind. Neugierig, wer zu Ihnen passt? Weiter