Europa
Der vergessene Kontinent

Angesichts der wachsenden Kooperation unter den Schwellenländern könnten die Europäer ihren Einfluss in den afrikanischen Ländern verlieren. Denn für Afrikaner ist Europa zwar als Fluchtziel interessant, aber kaum als Partner.

KAPSTADT. Jahrhundertelang war Agadez am Nordrand der Sahara ein wichtiger Zielort für Karawanen. Heute machen die Nomaden hier nur noch selten Halt. Sie sind von Bussen und Jeeps ersetzt worden, die sich mit ihrer menschlichen Fracht auf den Weg nach Norden befinden. Die Handelsstadt im nördlichen Niger ist eine der wichtigsten Drehscheiben für Migranten aus ganz Afrika.

Tausende und Abertausende Afrikaner warten hier auf den Eintritt nach Europa. Sie sind vor Bürgerkriegen geflohen, vor Hungersnöten, vor dem Elend in Staaten wie dem Kongo oder dem Zerfall in Nigeria. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn sie am Ziel feststellen müssen, dass das erwartete Paradies in Europa gar nicht existiert. Die meisten Afrikaner wissen über Europa so gut wie nichts. Von Problemen wie der hohen Arbeitslosigkeit, mangelnder Integration oder dem Umbau der Sozialsysteme haben sie keine Kenntnis – auch weil die afrikanischen Zeitungen angesichts mangelnder Ressourcen keine Korrespondenten in europäischen Städten haben.

Ohnehin scheint Europas Zeit in Afrika mittelfristig abzulaufen. Vor allem die Schwellenländer der südlichen Halbkugel und insbesondere China gewinnen für den schwarzen Kontinent an Bedeutung. Nach Ansicht von Wirtschaftsexperten ist Europa in Gefahr, angesichts der wachsenden Kooperation unter den Schwellenländern an Einfluss zu verlieren, „Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert Europas – ich bin zuversichtlich, dass das 21. Jahrhundert das von Afrika und Asien wird“ sagte Syamal Gupta, Chef von Indiens größtem Industriekonglomerat Tata International 2006 auf dem Afrika-Gipfel des Weltwirtschaftsforums in Kapstadt.

In Europa ist der schleichende Bedeutungsverlust des eigenen Kontinents in Afrika bislang weitgehend unbemerkt geblieben, „Die wenigsten haben erkannt, was sich auf der Süd-Süd-Schiene abspielt. Wir Europäer sollten uns bemühen, auf den Zug aufzuspringen“, sagt Joachim Zahn, lange Zeit als Direktor für Daimler Chrysler in Brasilien tätig. Allein mit China ist Afrikas Handel 2006 auf fast 50 Mrd. Dollar gestiegen – und soll sich bis 2010 nochmals verdoppeln. Bereits jetzt ist China nach den USA und Frankreich drittgrößter Handelspartner in Afrika – noch vor der alten Kolonialmacht Großbritannien.

Die Afrikaner sehen diese Gewichtsverlagerung mehrheitlich (noch) mit Genugtuung. „Wir benötigen Technologie, billige Medikamente, Investmentgelder und Ausbildung“ sagt Tansanias Präsident Jakaya Kikwete. „Zum Glück kriegen wir das von den Chinesen günstiger als von den Europäern. Was ist daran falsch?“ In die gleiche Kerbe schlägt Kenias Außenminister Raphael Tuju. „Es ist in unserem Interesse, den Blick stärker von Europa auf China zu verlagern. Andere machen das auch und ich kann nicht verstehen, dass uns der Westen zur Vorsicht mahnt“. Während Kenias Beziehungen mit Europa nach einer Reihe schwerer Korruptionsskandale spürbar abgekühlt sind, nimmt der Handel mit China stetig zu – allein im letzten Jahr um gut ein Drittel.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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