Europa-Gipfel
Merkels Charme und die diskrete Botschaft des EU-Protokolls

Diplomatie erfordert Fingerspitzengefühl – politische Treffen wie der Europa-Gipfel in Berlin richten sich nach subtilen Protokollen. Kanzlerin Angela Merkel findet trotzdem Raum mit persönlicher Note zu beeindrucken. Der Gipfel erhält so überraschend familiäre Züge.

BERLIN. Wer in der ersten Reihe sitzen darf und neben wem, hat in der internationalen Politik schon Krisen und Kriege ausgelöst. Damit das nicht so en passant passiert, ist das diplomatische Protokoll eine der subtilsten Ordnungen, die der menschliche Geist hervorgebracht hat. Umso bemerkenswerter ist, wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel die winzigen Spielräume ausnutzt und ihren persönlichen Charme einsetzt, um ihre Vorhaben zu befördern.

Das fängt schon bei den Einladungskarten an. Dass in der Ära Merkel zusammen mit der „Vorsitzenden des Europäischen Rates Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel“ sich auch „Herr Professor Dr. Joachim Sauer“ die Ehre gibt, zu Empfang und Konzert anlässlich des EU-Gipfeltreffens einzuladen, signalisiert Einmaligkeit: auf so offizieller Bühne ist der Ehemann der Kanzlerin noch nie aufgetreten – und schon hat das hochpolitische Treffen familiären Charakter.

Tatsächlich wirkt Berlin an diesen Tagen wie eine politische Fortsetzung der Fußballweltmeisterschaft: fröhlich, zivil, entspannt. Selbst die Polizei, gemessen an der Anhäufung personalen Gefährdungspotenzials, wirkt diskret und höflich. Nur der gemeine Berliner, in der Mehrheit Hartz-IV-Empfänger auf dem Weg in die Wochenend-Datscha, macht bei jeder gesperrten Kreuzung mit wütendem Hupkonzert seiner mentalen Provinzialität Luft.

Auch der Ton und die Musik machen Politik. Beim Eröffnungskonzert spielen die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle das Deutschlandlied. Das klingt so zart, beschwingt und herzergreifend, dass kein Zuhörer daran erinnert wird, dass mit diesem Lied die preußischen Studenten 1914 vor Langemark verreckten und die Wehrmacht dazu weit über Maas und Memel, Etsch und Belt hinausmarschierte, dirigiert vom Taktstock des Todes.

Und nun applaudiert Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac neben Merkel, sehr verhalten allerdings, mit einem Mindestmaß an Höflichkeit. Als Staatspräsident darf er in der ersten Reihe sitzen, aber eigentlich geht er nie in ein Konzert. Angela Merkel hat ihn persönlich dazu überredet und widerwillig hat er eingewilligt. Europas größter Handküsser kann nicht widerstehen, wenn Merkel ihn anstrahlt, und geschickt wechselt sie die Temperaturgrade ihres Lächelns, eiskalt bis mädchenhaft.

Davon gewonnen zu einer europapolitischen Geste des guten Willens, macht er sichtbar gelangweilt gute Miene zum ziemlich letzten Spiel seiner Amtszeit.

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