Europa hat eine neue Verfassung, aber noch immer keinen neuen Präsidenten
Die Königsblockierer

Europa hat nach zwei Tagen EU-Gipfel zwar eine Verfassung - aber zu einer Einigung auf einen Kommissionspräsidenten ist es nicht gekommen. Und Jacques Chirac hat zur schlechten Stimmung bei diesem Tagesordnungspunkt maßgeblich beigetragen.

BRÜSSEL. Jean-Claude Juncker sieht müde aus. Furchen durchziehen sein Gesicht. Die Haut des Kettenrauchers zeigt eine ungesunde Blässe. Und seine sonst so lockere Art im Umgang mit den Medien ist kühler Distanz gewichen. „Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass sich meine Position nicht verändert hat“, sagt der 49-Jährige und strebt entschlossen dem Ausgang zu. Nur schnell weg aus den kalt ausgeleuchteten Sälen des Brüsseler Ministerratsgebäudes, weg von den Journalisten und ihren leidigen Fragen. Die Antwort wäre ohnehin immer die gleiche: Der Premierminister von Luxemburg bleibt in seinem herzöglichen Sprengel. Nach zweitägigem Gipfel-Palaver hat Europa zwar eine Verfassung, aber noch immer keinen neuen EU-Kommissionspräsidenten.

Jetzt muss also Bertie Ahern wieder ran. Der irische Regierungschef kennt sich aus mit scheinbar ausweglosen Situationen. Nach dem Debakel vom letzten Dezember, als der Streit um die Verfassung unter Führung von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi in der Sackgasse endete, wollte niemand auf einen Erfolg der irischen EU-Ratspräsidentschaft wetten. Doch der Mann aus Dublin entfaltete ein Verhandlungsgeschick, das die sensiblen Polen, die stolzen Spanier und die widerspenstigen Briten gleichermaßen zum Kompromiss zwang.

Was die Suche nach dem Nachfolger von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi betrifft, muss Ahern sich freilich beeilen: In neun Tagen endet seine Amtszeit als oberster Verhandlungsführer der EU, und noch bevor der niederländische Premierminister Jan Peter Balkenende am 1. Juli den Stab der Präsidentschaft übernimmt, soll der Brüsseler Top-Job nach dem Willen der Staats- und Regierungschefs vergeben sein.

Aherns Regieplan im Poker um die Prodi-Nachfolge läuft nun auf einen echten Showdown hinaus. Am 30. Juni, dem letzten Tag seiner Präsidentschaft, will der irische Premier die übrigen 24 EU-Regenten erneut nach Brüssel rufen. Entweder zum Mittagessen oder zum abendlichen Mahl.

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