Europa-Konzepte
Spurensuche im ehemaligen Ostblock

Europäische Konzepte waren von jeher nicht nur den Gründungsmitgliedern der Europäischen Union vorbehalten. Wie im Westen gab es auch bei den neuen Mitgliedstaaten intensive Überlegungen über die Perspektiven des Kontinents. Mitunter wurden dabei vollkommen andere Pläne entworfen. Auf Spurensuche im ehemaligen Ostblock.

WARSCHAU. „Auch in den neuen Mitgliedstaaten der EU sind europäische Konzepte historisch gewachsen“, sagt der Historiker Christian Domnitz . Wie im Westen habe es immer wieder ein intensives Nachdenken über die Perspektiven des Kontinents gegeben, wobei aber oft ganz andere Pläne entwickelt worden seien. Am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam forscht Domnitz seit 2004 über Europa-Ideen im Osten nach 1945. Gemeinsam mit anderen Historikern sucht er nach den Wurzeln Europas im ehemaligen Ostblock.

Der Forschungsverbund analysiert nicht nur die Politik der damals herrschenden kommunistischen Parteien, sondern auch Europakonzepte des Widerstandes im Untergrund wie der tschechoslowakischen Charta 77, der polnischen Gruppe „Erfahrung und Zukunft“ und der DDR-Opposition. Die polnischen Oppositionellen waren die Ersten, die eine Wiedervereinigung Deutschlands in einem vereinten Europa befürworteten. Domnitz berichtet, dass es schon vor 2004 sowohl in Deutschland als auch in Polen, Tschechien und Ungarn erste Forschungsansätze gegeben habe, „aber wir in Potsdam waren die Ersten, die all diese Initiativen zu einem wissenschaftlichen Verbund verknüpft haben“.

Bislang wichtigstes Forschungsergebnis ist die Erkenntnis, dass der Nationalstaat im Denken der östlichen Gesellschaften eine viel größere Rolle spielt als im Westen. „Die Westeuropäer sehen Europa und Nation oft als Gegensatz und verstehen Europäisierung als Überwindung der Nationalstaaten“, meint Domnitz. Im Osten dagegen betone man sehr stark die nationalen Errungenschaften als Beitrag zur Gestaltung Europas. Für viele Politiker sei die EU deshalb ein Bund von Nationalstaaten und nicht ein föderaler Zusammenschluss mit eigenen Hoheitsrechten.

„Die Debatte über die EU-Verfassung zeigt, dass die westlichen EU-Mitglieder viel stärker zur Aufgabe nationaler Besitzstände zu Gunsten der EU bereit sind als die neuen aus dem Osten“, meint auch der Historiker Gregor Thum, der zu den Begründern dieses neuen Forschungsgebiets zählt. Er und seine Wissenschaftskollegen wissen, dass diese Haltung ein Reflex auf die jahrzehntelange, wenn nicht jahrhundertelange Unterdrückung nationaler Bestrebungen in Ostmitteleuropa ist – insbesondere in kommunistischen Zeiten, auch wenn Führer wie Josef Stalin bestimmte nationale Eigenarten tolerierten, um seine Herrschaft im östlichen Teil Europas insgesamt zu stabilisieren.

Die bis heute spürbare Abneigung der neuen EU-Staaten gegen den „Brüsseler Zentralismus“ hat mit ihren leidvollen Erfahrungen aus kommunistischen Zeiten zu tun, als das Moskauer Diktat weitgehend über ihre wirtschaftliche Entwicklung entschied. Domnitz weist aber darauf hin, dass der 1990 aufgelöste „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) als östliches Gegenstück zur EWG/EU nicht nur Herrschaftsinstrument des Moskauer Politbüros gewesen sei. „Es gab immer auch Platz für bilaterale Wirtschaftsbeziehungen und damit auch widersprüchliche Entwicklungen“, meint er. Gerade deshalb habe der RGW auch den Kürzeren gezogen gegenüber der EU, die zunehmende Kraft aus ihrer wirtschaftlichen Integration gezogen habe.

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