Europäische Zentralbank
Wie Notenbanker die Fäden ziehen

Während die Politik in der Krise versagt, versucht man bei der EZB, das Schlimmste zu verhindern. Die Geldhüter schleppen kränkelnde Banken durch und stemmen sich mit Staatsanleihekäufen gegen die Panik an den Märkten.
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Frankfurt am MainNicht jedem Wirtschaftsminister ist es vergönnt, die Märkte zu bewegen. Philipp Rösler hat es geschafft. Als er am Montag seinen Vorschlag für eine »geordnete Insolvenz Griechenlands« unter die Leute brachte, legten die Börsen einen regelrechten Rösler-Knick hin. Der Dax brach ein, der Euro stürzte ab, und Investoren warfen Anleihen der europäischen Krisenstaaten auf den Markt.

So weit das, was zu beobachten war. Nicht zu beobachten war die korrigierende Hand, die nun eingriff. Die Anleihehändler der Europäischen Zentralbank (EZB) gaben viele Millionen Euro aus, um die abgestoßenen Papiere aufzukaufen und die Märkte zu beruhigen. Denn noch am Vormittag musste die italienische Regierung an ebendiesen Märkten 11,5 Milliarden Euro aufnehmen.

Rösler macht Radau – und hinter den Kulissen dämmt die EZB den Schaden ein. Damit ist das Dilemma umrissen, in dem Europas Notenbanker gerade stecken. Die Politik zieht sich aus dem Rettungsgeschäft zurück, und je mehr sie das tut, desto mehr Aufgaben müssen sie übernehmen. Sie kaufen Wertpapiere und retten Banken. Sie kontrollieren Finanzunternehmen und überwachen Staaten. Sie tun Dinge, die man bislang als Notenbanker einfach nicht tat. Der deutsche Chefvolkswirt der Bank, Jürgen Stark, mochte da nicht mehr mitmachen und trat zurück.

Auch sonst ist der Kurswechsel nicht gerade populär. Umfragen der Europäischen Kommission zufolge vertrauen nur noch 47 Prozent der Deutschen der EZB. Bundespräsident Christian Wulff warnte die Notenbank, der Ankauf von Staatsanleihen könne »allenfalls übergangsweise toleriert werden«. Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Zentralbank, die mit ganz ähnlichen Problemen kämpft, musste sich vom republikanischen Präsidentschaftsbewerber Rick Perry kürzlich gar »Landesverrat« vorwerfen lassen.

Was die neue Linie mit dem Ruf der Geldhüter anrichtet, ist die eine Frage. Die andere, viel wichtigere Frage lautet: Was richtet sie mit dem Geld an?

Man kann davon ausgehen, dass sich Jean-Claude Trichet diese Frage sehr oft stellt. Trichet ist so etwas wie der Zeremonienmeister der Zentralbankzunft. Seit acht Jahren steht der Franzose an der Spitze der Europäischen Zentralbank, alle zwei Monate leitet er das Global Economy Meeting in Basel, wo sich die führenden Notenbankchefs der Welt treffen. Die Gespräche sind so geheim, dass nicht einmal Teilnehmerlisten veröffentlicht werden.

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  • Die Einstellung von Mark Schieritz gegenüber der FDP und speziell Rösler dürfte hinlänglich bekannt - falls nicht, hier seine Ansichten: http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-09/fdp-rezession-europa

    Ob die EZB wirklich das Schlimmste verhindert oder im Gegenteil die Situation erst richtig verschlimmert, hängt in erster Linie davon ab, ob Griechenland saniert werden kann oder nicht.

    Alle Fakten seit Frühjahr 2010 sprechen dagegen. Die Marktakteure zeigen durch ihr Verhalten, daß sie die Pleite des griechischen Staates auch als sehr wahrscheinlich annehmen. Da spielt es keine Rolle, was welcher Politiker sagt.

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    Die 800 MRD als Kaufkraft sind schon verloren gewesen, noch bevor sie ausgegeben wurden.

    Das heißt die sind auch jetzt verloren, auch wenn oder gerade wenn sie den Deutschen vollständig aufgebürdet werden würden. Glaubt ihr wirklich, daß ihr zukünftig zahlungsfähiger wie die Griechen oder Italiener sein werdet?

    Wenn überhaupt marginal. Und der Begriff Marginal ist auch sehr marginal.
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  • Intransparent, in weiten Teilen illegal oder den europäischen Verträgen zuwider agiert die EZB derzeit als selbsternannte Feuerwehr. Doch dies ist weder sinnvoll noch durchzuhalten. Würde die EZB z.B. weiterhin in dieser Größernordnung Anleihen von Italien, Spanien und Griechenland am Markt aufkaufen, hätte sie innerhalb des nächsten Jahres 800 Mrd. Euro an Schulden mit hohem Ausfallrisiko. Zum Vergleich: Der deutsche Bundeshaushalt beträgt 300 Mrd. Euro. Nach Ausfall diverser Krisenländer müsste Deutschland bis zu 50 Prozent der EZB-Schulden übernehmen. Zusätzlich geht unser Land weitere 465 Mrd. Euro an Haftung über den neuen ständigen Rettungsschirm ein, so das ifo-Institut. Spätestens dann verliert auch Deutschland sein AAA-Rating und auch für uns setzt sich eine Schuldenzahlungslavine in Gang, die den Staat aber auch die Wirtschaft und Privatleute Billionen kosten wird. Das sind so astronomische Summen, dass wir endlich zu einer ernsthaften Euro-Debatte kommen müssen. Was bringt uns eine crashende Gemeinschaftswährung? Hier eine deprimierende Aufrechnung, die schon jetzt aufzeigt, dass uns die Chaosährung bereits 2500 Mrd. Euro an Wohlstandsverlust beschert hat. Wollen wir auf diesem Weg weiter gehen? http://www.focus.de/finanzen/news/staatsverschuldung/tid-22479/debatte-der-verheimlichte-super-gau_aid_625051.html
    Das eigentliche Drama ist die bodenlose Lüge, dass Deutschland als Ganzes vom Euro profitiert habe. Der Euro hat uns in Wirklichkeit ein Jahrzehnt zum "kranken Mann Europas" gemacht. Kapital ist massiv aus Deutschland abgeflossen und wurde in den jetzigen Krisenländern investiert. Nun fordert man uns auf, die gigantischen Schuldenrechnungen der Südstaaten zu bezahlen, damit nach deren Gesundung erneut Geld aus Deutschland abfließen kann. Nochmal: Wir Deutschen haben nie vom Euro profitiert und werden es auch nie.

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