Europaparlament
Großkoalitionäre im kleinen Brüssel

Zwei Deutsche ziehen die Fäden im Europaparlament – und führen sich auf wie im fernen Berlin. Bei den wichtigen Themen wird gekungelt. Eine Handelsblatt-Reportage darüber, wie SPD und Union die große Koalition von Berlin nach Brüssel tragen.

BRÜSSEL. Martin Schulz sieht müde aus. Die Augenlider sind auf halbmast. Die Krawatte ist ein wenig verrutscht. Das Gesicht zeigt die Farbe eines Menschen, der schon lange keinen freien Tag mehr an der frischen Luft verbracht hat. Frische Luft tanken? Ausspannen? Für solche Dinge fehlt Martin Schulz ganz einfach die Zeit.

Der Mann, dem Silvio Berlusconi im Sommer 2003 eine Rolle als Kapo in einem KZ-Film anbot, weil der ihn kritisiert hatte, ist jetzt richtig wichtig. Er ist nicht nur Fraktionschef der Sozialisten im Europaparlament. Er gehört als erster deutscher Europapolitiker dem Präsidium seiner Bundespartei an, pendelt ständig zwischen Brüssel und Berlin. SPD-Chef Kurt Beck schätzt seinen Rat – und die Presse seine markige Rhetorik.

Schulz hat auf alle Fragen eine Antwort, keine Debatte, die er mit seiner lauten Stimme nicht beherrscht. Kann ihm überhaupt jemand das Wasser reichen in Europas Völkerversammlung? „Ich kenne keinen deutschen Europaabgeordneten, der größeren Einfluss hätte als ich“, sagt Schulz. Ende des Monats will er sich als Fraktionschef wiederwählen lassen. Gegenkandidat? Nicht in Sicht.

Auch Hans-Gert Pöttering, das Pendant von Schulz in der christdemokratischen EVP-Fraktion, hat ein Großereignis vor sich. Kurz nach dem Jahreswechsel steht die Wahl des neuen Präsidenten des Europaparlaments an. Präsident zu werden ist seit langem Pötterings Ziel. Dann darf der CDU-Politiker aus Bersenbrück endlich zusammen mit den Mächtigen aufs Gruppenfoto, wenn in Brüssel EU-Gipfel ist. Morgen küren ihn seine Fraktionskollegen zum Kandidaten.

An der Wahl des spröden Niedersachsen besteht kein Zweifel. Denn Martin Schulz hat Pöttering in die Hand versprochen, dass ihn die sozialistische SPE-Fraktion mitwählt – weil die Christdemokraten zu Anfang der Legislaturperiode 2004 den sozialistischen Präsidenten Josep Borrell aus Spanien mitgetragen haben. „Verträge sind einzuhalten“, doziert Schulz mit feierlicher Miene.

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