Europas Zeitungen zum Scheitern des EU-Gipfels
Presseschau: "Das alte Europa hat abgedankt"

Für die europäischen Medien tritt nach dem Scheitern des EU-Gipfels die Zerrissenheit der Gemeinschaft immer deutlicher zu Tage. Für zahlreiche Kommentatoren hat der britische Premierminister Tony Blair mit seiner harten Haltung Sympathien und Vorbildfunktion verspielt. Gleichzeitig gibt es auch außerhalb Großbritanniens Stimmen, die Blair als heldenhaften Widerstandskämpfer feiern. Hier eine Auswahl der Kommentare:

The Times (London): „Die Krise weist auf die alternative Zukunft eines verschlankten, weniger komplexen und dafür flexibleren Systems hin, das die derzeitigen Nachbarn der Union willkommen heißen würde.“

The Observer (London): Die gegenwärtige Krise könnte Europa stärker machen oder seine Zerstörung von innen heraus auslösen. Je schneller Tony Blair deutlich macht, was er will - hierzulande und in Europa - desto besser.

Financial Times (London):

„Das heißt, dass für die nächste Zeit Schluss sein muss mit dem Herumbasteln an Institutionen. ... Stattdessen müssen sich die Politiker klar werden, wofür die Union gut sein soll und wie sie ihren 450 Millionen Bürgern zusätzlichen Nutzen bieten kann.“

Tages-Anzeiger (Zürich): „Nüchtern betrachtet, muss man wohl feststellen, dass an diesem EU-Gipfel das „alte Europa“ abgedankt hat. Der deutsch-französische Motor stottert nicht mehr nur, er ist abgestorben.“

Die Presse (Wien): „Es sind die nationalen politischen Eliten, die versagen. Silvio Berlusconi, Jacques Chirac, Gerhard Schröder, Hans Eichel: Sie sind die Totengräber Europas, nicht irgendwelche anonymen Brüsseler Bürokraten.“

Gazeta Wyborcza (Warschau): „Wenn also die Herren Blair, Chirac, Balkenende nach Hause zurückkehren, um sich zu rühmen, dass sie die Interessen ihrer Länder verteidigt haben, lasst uns nicht applaudieren. Sie haben das auf Kosten des gemeinsamen Europas getan.“

Libération (Paris): „Weder Blair noch Chirac können mit der Unterstützung der Mehrheit der Europäer rechnen. Nötig ist ein Modell, das Flexibilität der Wirtschaft mit Sozialschutz verbindet ebenso wie Regulierung mit der Öffnung zur Weltwirtschaft“.

La Repubblica (Rom): Europa ist nicht erst in Brüssel gestorben. Es ist vielmehr in einer Mittelmäßigkeit versunken, die chronisch werden könnte. ... Im Vergleich zur Übermacht Amerikas, zu China und zu einem stetig wachsenden Indien erscheint Europa als ein Club von streitlustigen Händlern und frustrierten Verbrauchern.

De Morgen (Brüssel): Statt sich konstruktiv zu zeigen zu Gunsten Europas und seiner neuen Mitgliedstaaten, trieb Blair das Eigeninteresse auf die Spitze. Dafür gibt es nur ein Wort: Disgusting.“

Luxemburger Wort: Das Unwort „Denkpause“ macht die Runde. Klinisch bedeutet eine Denkpause nichts anderes als den Hirntod. Bleibt zu hoffen, dass eine politische Denkpause nicht den gleichen Effekt für Europas Integration zeitigt.

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