Europawahl
Frankreich erlebt sein grünes Wunder

Damit hatte niemand gerechnet: Die Grünen in Frankreich, die sonst ein politisches Mauerblümchen-Dasein fristen, holen bei den Europa-Wahlen über 16 Prozent. Um ein Haar hätten die von Daniel Cohn-Bendit geführten Grünen sogar noch die größte Oppositionspartei überholt.

PARIS. Damit hatte niemand gerechnet: Die Grünen in Frankreich, die sonst ein politisches Mauerblümchen-Dasein fristen, holen bei den Europa-Wahlen über 16 Prozent (2004: 7,4 Prozent). Um ein Haar hätten die von Daniel Cohn-Bendit geführten Grünen sogar noch die größte Oppositionspartei, die Parti Socialiste (PS) überholt. Die PS schaffte nur 16,8 Prozent und nimmt damit eine verheerende Niederlage hin (2004: 28,9 Prozent).

Mit Blick auf die großen Volksparteien liegt das Ergebnis in Frankreich im europäischen Trend: Die regierenden Bürgerlichen von Sarkozys UMP-Partei gehen gestärkt aus der Wahl hervor (28 Prozent, zuvor 16,6 Prozent) und sind damit mit Abstand die stärkste politische Kraft im Land. Abgeschmiert ist dagegen die Zentristen-Formation Modem von Francois Bayrou (8,5 Prozent von zuvor 18,57 Prozent).

Frankreich kennt damit zwei politische Sieger: Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Grünen-Chef Daniel Cohn-Bendit. Auch in Deutschland wandten sich die Wähler der regierenden CDU zu, der Durchbruch der Grünen stellt eine französische Sonderentwicklung dar.

Um die Dimension des Sieges zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle noch einmal daran erinnert, dass die französischen Grünen bei den Präsidentschaftswahlen 2007 nicht einmal zwei Prozent geholt haben. Der Spitzenkandidat hieß damals aber nicht Cohn-Bendit, sondern Dominique Voynet, die seitdem von der Bildfläche verschwunden ist.

Womit bereits ein Teil der Erklärung geliefert wäre: Cohn-Bendit hat sich als wirkungsvolle Zugmaschine erwiesen. Dem langjährigen EP-Abgeordneten nahmen die Wähler sein Plädoyer für ein grüneres Europa ab. Zudem goutierten die Wähler offenbar, dass die Grünen die Europa-Wahl nicht zu einer Sarkozy-Strafwahl deformieren wollten. Zudem haben die Grünen mit dem Kampf gegen die Klima-Erwärmung ein zugkräftiges Thema.

Zwei Tage vor der Wahl flimmerte zur besten Sendezeit in Frankreich der Film "Home" des Fotografen Yann Arthus-Bertrand über die Bildschirme, der in beeindruckenden Luftaufnahmen die Folgen der Klima-Erwärmung in die Wohnstuben brachte. 8,3 Millionen Franzosen sahen auf "France2" den Film. Und schon entbrannte in Frankreich eine Polemik darüber, ob der Film nicht eine unzulässige Wahlhilfe für die Grünen darstelle. Dem lässt sich entgegnen, dass der Film zeitgleich in über 30 Ländern und gratis im Internet ausgestrahlt wurde. Und in Deutschland den Grünen nicht zu solch einem Schub verholfen hat.

Schiffbruch erlitten dagegen wie in Deutschland Frankreichs Sozialisten. Es wäre unfair, die Schlappe allein auf die Verantwortung der neuen Partei-Chefin Martin Aubry zu schieben, sie leitet erst seit einem halben Jahr die tief zerstrittene Partei.

Drei Faktoren können das Debakel der Sozialisten erklären: Erstens: Die Wähler sehen in den Sozialisten - ähnlich wie in Deutschland - keine glaubwürdige Alternative. Es wirkt Paradox, für die Verantwortlichen ist es ein Alarm-Zeichen: In der größten Krise des Kapitalismus scheinen die Wähler der linken Volkspartei nicht zuzutrauen, Antworten auf die Krise zu haben.

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