Europawahl-Serie, Teil 2
„Es ist eine Schande, dass so viele nicht wählen“

Was empfinden junge Menschen, wenn sie an Europa denken? Was wollen sie ändern, wann geht ihnen die EU auf die Nerven? Handelsblatt Online will's genau wissen. Heute antwortet Noora Lampinen (26) aus Finnland.
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Was empfinden junge Menschen, wenn sie an Europa denken? Was wollen sie ändern, wann geht ihnen die EU auf die Nerven und warum gehen sie trotzdem zur Europawahl? Das wollte Handelsblatt Online wissen. In einer Serie beantworten uns Mitglieder des FutureLab Europe, einem Programm, das besonders engagierten jungen Europäern eine Stimme in der Debatte über Europas Zukunft gibt, diese Fragen. Heute antwortet Noora Lampinen (26) aus Finnland.

Europa ist für mich ...

... mehr als ein Kontinent, eine Flagge oder eine Union – Europa ist Heimat und bietet viele Chancen. Ich war in der glücklichen Lage, in mehreren europäischen Staaten leben, reisen, studieren und arbeiten zu dürfen. Ich habe eine Reihe europäischer Hauptstädte kennengelernt: Ich bin in Stockholm geboren, habe in Helsinki studiert, in Paris einen Ferienjob und in Dublin ein Praktikum an der Botschaft gemacht, ich war Erasmusstudentin in Madrid und derzeit lebe ich in Brüssel. Dadurch bin ich in der glücklichen Lage, Menschen aus verschiedenen Kulturen und von unterschiedlicher Herkunft kennengelernt zu haben.

Für mich stellen die Menschen, die Möglichkeiten und die Besonderheiten jeder Region Europa dar. Als kleines Kind habe ich mit meinen Eltern außerhalb Europas, in Amerika, gelebt und von der anderen Seite des Atlantiks auf Europa geblickt. Aus dem Blickwinkel eines Amerikaners sind europäische Ländern klein und für sich allein genommen recht unbedeutend. Als Prinzessin Diana gestorben ist, hat der Angestellte im Supermarkt meiner Mutter sein Beileid ausgesprochen. Nachdem wir wieder nach Finnland zurückgekehrt waren, reiste ein Bekannter unseres ehemaligen amerikanischen Nachbarn nach Paris. Er ging davon aus, dass wir kurz seinen Bekannten treffen könnten, da es von Helsinki nach Paris ja nicht weit sei.


Da Finnland innerhalb Europas ein bisschen isoliert ist, gefällt es mir besonders, auf dem Kontinent zu leben, wo man ohne anzuhalten von Land zu Land fahren kann. An Ostern bin ich von Brüssel in die Alpen gefahren und auf französischen, italienischen und schweizerischen Pisten Skigefahren – ohne dass ich einmal meinen Pass oder meine Aufenthaltsgenehmigung hätte zeigen müssen.

Gleichwohl macht mich der Aufenthalt im so genannten Herzen von Europa empfänglicher für die Besonderheiten meines Heimatlandes und meiner Kultur.

Kommentare zu " Europawahl-Serie, Teil 2: „Es ist eine Schande, dass so viele nicht wählen“"

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  • Größenwahn, Diktatur und Bevormundung der Menschen ist immer noch untergegangen. Es ist immer eine Frage der Zeit (siehe Sowjetunion). Die Fehler haben nicht die Bürger der EU gemacht, sondern die selbsternannten Politiker, die Bürgernähe und Mitbestimmung mit Füßen getreten haben. Daraus ist der miserable Status quo entstanden. Wenn nun nicht einmal die Hälfte der wahlberechtigten Bürger wählt, ist das die Quittung des Status quo. Wer soll das undemokratische Gebilde wählen, wenn das gewählte Parlament nichts zu melden hat, weder Gestaltung noch parlamentarische Kontrolle der Bürokratie? Das ist doch eine Verhöhnung der Wähler. Welches Unheil alle Blockparteien in der EU herbeigeführt haben, erspare ich mir. Ich bin aber höchst misstrauisch, was nach den Wahlen passiert. Es kriselt jetzt schon wieder an allen Ecken und Enden. Größte deutsche Vermögensentwertungen eingeschlossen. Wer kann das noch wollen? Aus dieser Not heraus wird die AfD viele Stimmen bekommen. Die Blockparteien können es nicht, wie sie bewiesen haben.

  • Was Sie verbreiten ist falsch. Die Kommission bestimmt weiterhin den Präsidenten. Merkel hat sich das ausdrücklich vorbehalten. Es könnte mal sein, dass der Präsident wird, der im Parlament die meisten Stimmen bekommen hat. Das ist aber nicht verpflichtend und damit undemokratisch. Das EU-Parlament bleibt somit eine teure Farce. Wir brauchen es nicht.

  • "UTOPIE" ist das m.E. nicht. Eine der größeren Schwachstellen sind die EU-Kommission sowie die geringe Wahlbeteiligung und die mit ihr einhergehende geringe Kontrolle der EU durch die Bürger selbst.

    Was in Europa gebraucht wird, ist "europäisches Denken", indem sich die einzelnen Länder, Regionen, Städte stärker miteinander verknüpfen und sich vor allem die Bürger mehr füreinander interessieren sollten. Kultur und Medien können da schon mal hilfreich sein.
    Wie man es letztendlich dreht und wendet, man muss sich zwangsläufig mit der EU arrangieren, da hilft auch kein UKIP-Geplärre.

    Staatschefs sollten in der EU weniger eine Rolle spielen, da es besser wäre, wenn man eigenes Personal etablierte.
    So wie der Bundespräsident etwa keiner Partei angehört, könnte man EU-Abgeordneten ihre Staatlichkeit teilweise abnehmen, damit sie als europäische und nicht als nationale Repräsentanten Politik betreiben.
    Genau das ist aber der Knackpunkt, an dem man momentan scheitert, weil man nicht weiß oder einigen kann, wie weit die Integration gehen soll.

    In der EU-Integration ist wohl die Hauptsache, dass die Länder so gut es geht mitziehen. Die Einstellung eines Europas mehrerer Geschwindigkeiten ist da von vornherein nicht zielführend. Wie in der Schule werden auch die Mitgliedsländer nach bestimmten Zeitabschnitten nicht den gleichen Erfolg aufweisen und unterschiedlich schnell Maßnahmen umsetzen oder sich insgesamt entwickeln.
    Es muss jedoch im Allgemeinen unbedingt mehr Disziplin in Haushalt, Wirtschaft, Energie etc. praktiziert werden, die ja nur von den Mitgliedstaaten ausgehen kann. Dann kann das Projekt auch gelingen.

    Europa ist eben vielfältig.

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