Grünen-Spitzenkandidat Sven Giegold
„Dann nimmt die Seuche ihren Lauf“

Sven Giegold fürchtet die Höhenflüge der Euro-Skeptiker und den deutschen Chauvinismus in der Ukraine-Krise. Der grüne Spitzenpolitiker für die Europawahl über Nationalismus, Nörgelei und Frankreichs geschönte Zahlen.
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Sven Giegold ist im Wahlkampfstress, pendelt zwischen Straßburg, Brüssel, Düsseldorf und Berlin. In eineinhalb Wochen wählt Europa ein neues Parlament. Dort setzt sich Giegold, Mitbegründer von Attac-Deutschland, seit fünf Jahren für grüne Politik ein. Bei dieser Wahl bildet der Finanzexperte gemeinsam mit Rebecca Harms das deutsche Spitzen-Duo. Für das Interview in der Redaktion von Handelsblatt Online nimmt er sich eineinhalb Stunden Zeit, um über die Gefahren für die Europäische Idee, die Bankenunion, seine Haltung zum transatlantischen Freihandelsabkommen und die negative Grundeinstellung vieler Deutscher gegenüber Brüssel zu sprechen.

Herr Giegold, in der Ukraine droht ein Bürgerkrieg. Was kann Europa machen?
Wenn Putin weiter an einer Destabilisierung der Ukraine arbeitet, muss Europa gemeinsam antworten. Auch wirtschaftliche Sanktionen sind dann auf der Tagesordnung. Insofern ist es irritierend, wenn Deutschland immer wieder eine gemeinsame europäische Linie durch Geburtstagsfeiern oder private Einladungen von Konzernchefs durchbricht.

Wären Sie nicht zu Schröders Party mit Putin gegangen?
Um Gottes Willen, Nein.

Aber sollte man nicht jede Chance nutzen, um sich mit Putin an den Tisch zu setzen?
Ich glaube ein solches Treffen wird von Herrn Putin als Schwäche der Europäer wahrgenommen. Für Verhandlungen gibt es diplomatische Formen. Gerade jetzt muss ein amtierender SPD-Ministerpräsident Selling sie einhalten. Das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine und Europäische Gemeinsamkeit gehen vor Wirtschaftsinteressen.

Rückt Europa durch die Ukraine-Krise zusammen?
Die Krise zeigt, was Chauvinismen und Nationalismen auslösen können. Wir hätten diese Krise überhaupt nicht bekommen, wenn das Assoziierungsabkommen zügig und entschlossen über eine gemeinsame Außenpolitik der EU verhandelt worden wäre. Wir müssen in Europa mit einer Stimme sprechen. Dafür müssten allerdings die Staatschefs ihre eigenen Profilierungswünsche auf der internationalen Bühne zurückschrauben.

Mehr Europa ist in der Bevölkerung aber nicht gerade beliebt. Bei den Wahlen am 25. Mai werden den europakritischen Parteien bis zu 30 Prozent zugetraut. Macht ihnen das Sorgen?
Ja. Wenn das so kommt, kann es sein, dass auch ein Teil der verbleibenden Pro-Europäer denen nach dem Munde redet. Dann nimmt die Seuche ihren Lauf. Die CSU zündelt bereits gegen die Europäische Idee. Trotzdem ist Deutschland neben Spanien das einzige große EU-Land, wo die Euro-Kritiker nicht ganz so stark sind.

Kommentare zu " Grünen-Spitzenkandidat Sven Giegold: „Dann nimmt die Seuche ihren Lauf“"

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  • Das nenne ich mal eine steile Karriere.
    Wer so schnell so hoch klettert der wird um so tiefer fallen.

  • Die NSA und USA haben sich den Salat selbst zuzuschreiben. Die Marionettenfäden zu der EU und nach Berlin müssen zerschnitten werden. Wir sind erwachsen genug, um uns selbst zu bestimmen! Alternativ wählen!!!

  • Ich glaube, Sie haben nicht verstanden worum es wirklich geht!
    ich bin nicht mehr gewillt mich von solchen Dummquatschern über den Tisch ziehen zu lassen.
    In der EU geht es nicht um Fragen der Demokratie, sondern um die Sicherung der Interessen der Wirtschaft sowie der Betrügereien der Bankster. Die EU verkommt immer mehr in einer Diktatur der Kaste der Anwälte und Beamten. Was als Demokratie in der EU ausgegeben wird ist nichts anderes als Verdummung der Bürger dieser angehörigen Länder.
    Wenn die EU in den letzten Jahren so stark gewachsen ist, hat dies nicht mit Zusammengehörigkeit zu tun, sondern die Ursache dafür liegt darin, dass die Regierungen der Staaten auch von den Geldtöpfen etwas abbekommen wollten. Jetzt schreit jeder, dass es so nicht weiter gehen kann - aber man spekuliert schon weiter mit Moldavien, Georgien, Armenien und natürlich der Ukraine.
    Sollte es nicht erst einmal darum gehen, die jetzigen Staaten zu entwickeln und für die Zukunft stabil zu machen?
    Ich denke hier haben wir genügend zu tun und nicht nur daran denken, den Moloch noch mehr aufzublasen, bis er uns entsprechend kräftig um die Ohren fliegt.
    Die Beziehungen zur USA als Hilfstruppe sollte doch wohl besser durchdacht werden.

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